Schnittstelle

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Noch liegen die einträchtig beieinander. Hattis Kladde, Ararats Kladde und ein Immer-zur-Hand-Buch für beide. Gestern aber habe ich zum ersten Mal gewagt, mich zu fragen, ob das eigentlich geht, dass die so innig, zärtlich und auch ein bisschen verzweifelt ineinander verklammert bleiben.

Man braucht ja kein Chirurg zu sein oder einen Chirurgen zum Bruder zu haben, um zu wissen, dass manchmal geschnitten werden muss, um eine Ordnung im Körper wieder herzustellen. Man braucht auch weder Chirurg noch Chirurgenverwandter zu sein, um zu wissen, dass Schneiden wehtut.

Ob ich schneide, weiß ich noch nicht.

Aber ich glaube, ich muss.

Ich habe die Hatti so geliebt. Ich liebe sie immer noch, was für mich ganz und gar erstaunlich ist, und vielleicht werde ich sie allein dafür – dass sie von mir (ach nee, von der Carmen) ist und ich sie trotzdem so lange lieben konnte – immer weiter lieben.Ich finde sie gelungen. Sie ist eine, die völlig und willig die Forderungen ihrer Form erfüllt, und hineinstopft, was immer ihr gefällt. God bless you, Hatti. Aber an dem, was ich zu verdrängen versucht habe und was in den letzten Wochen trotzdem immer wieder nach oben geschwappt ist, komme ich nicht mehr sehr lange vorbei: Die Form ist zu klein für Ararat. Er passt nicht rein. Und das Gewicht von der Hatti hält ihn am Boden fest. Wenn ich nicht schneide, wenn ich ihn nicht losmache und freigebe, kann er nicht fliegen.

Das braucht so entsetzlich viel Mut. Und an Mut hat es mir als Autor immer gefehlt. In meinen Augen waren Ararat und ich schon Helden, weil wir ohne Verlag zum Festhalten lospreschen wollten. Wir brauchten wenigstens die Hatti zum Festhalten. Ihre Wärme, ihre Kraft, ihr Stehvermögen. Wenn wir uns von der Hatti schneiden, gibt es nur noch uns. Ganz allein. Was wir an Kraft nicht selbst aufbringen, wird nicht da sein. Das schnürt mir die Luft ab. Aber um einen Fünftausender zu besteigen, muss man ja wohl lernen, an einem Mangel an Luft nicht in Panik zu geraten.

Ein bisschen von dem Mut, der mir fehlt, hat mir gestern mein Agent gemacht. Und ein bisschen macht mir Ararats Zustand. Du bist schön, mein Freund, schön bist du, unser Lager ist grün.

Ararat losschneiden heißt auch: Hatti hinter mir lassen, ohne zu wissen, ob ich nochmal einen haben werde, der so genau in meine Arme passt. Das tut am meisten weh. Ich habe mich diese ganze Zeit über benommen, als müsste ich von diesem Roman nie getrennt werden. Ich möcht‘ noch eine Weile hier sitzen und die zwei zusammen streicheln. Meine schönen Geschwister. Ich möcht‘ auch noch eine Weile lang überlegen, wie das technisch gehen soll. Aber dann möcht‘ ich – glaube ich – schneiden. Und weitergehen. Vorwärts. Aufwärts. 

Se vuol’ ballare …

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Jetzt ist sie dann also da, die Twelfthnight, die ich nicht wollte. Das e-book, an dem der ganze Haushalt hier gearbeitet hat, um es selbst herauszugeben, bevor wir Knall auf Fall erfuhren, dass wir Inhaber der Rechte im Grunde nur theoretisch waren. Und dass das e-book ohne uns gemacht wird – ein Buch, das mit uns nichts zu tun hat.

Dabei war ich einmal der vermessenen Ansicht, es sei meines …

Ich hätte das gern gehabt, ich hätte es passend gefunden, und ich finde, es hätte uns zugestanden: Twelfthnight und Ararat. Unsere eigenen Bücher. Dass mir das verweigert worden ist und dass ich nicht in der Lage war, mich dagegen zur Wehr zu setzen, hat mich verletzt. Nicht oberflächlich und schnell heilbar, sondern da, wo ich mich als Urheber meiner Bücher bisher – offenbar naiv – noch immer integer und als „der Entscheidungsträger“ gefühlt habe. Die Erkenntnis, dass das ein Irrtum war, hat etwas in mir verändert. Und dass gleichzeitig in einem anderen Verlag eine Entscheidung über mein Buch getroffen wurde, als hätte ich mit dem Buch nichts zu tun, hat die Veränderung verstärkt. Seither fühle ich mich, als hätte ich mit dem Buch tatsächlich nichts mehr zu tun. Und seltsamerweise tut das überhaupt nicht mehr weh, sondern kommt mir vor wie Ich-wasche-meine-Hände-in-Unschuld: If that’s how you want it – be my guest.

Zwischendurch hatte ich – Gott sei Dank – „Als wir unsterblich waren“, mit dem ich sehr wohl zu tun habe. Und – Gott sei erst recht Dank – die Erfahrung, dass über meine Hattuša, mit der ich ganz und gar zu tun habe, nicht über meinen Kopf hinweg, sondern an meiner Seite und in meinem Rücken entschieden wird. Das macht stark. Das macht aus Traurigkeit Wut. Das ist das Se-vuol-ballare-signor-contino-Gefühl. Und die Entschlossenheit, auf meinen Hinterbeinen künftig stehen zu lernen und Bücher zu machen, die nicht nur aus mir herausgeschwitzt sind, sondern hinterher behandelt werden, als hätte sie kein Esel im Galopp verloren. Sondern als wären’s – unter anderem! – meine. 

Das geht mit Verlag. Wenn beide Seiten es wichtig finden. Dann geht es sogar sehr gut und macht Spass. Es geht aber auch ohne, und das zu wissen, tut gut. Damit geht ein herzlicher Gruß an all die Pioniere des Selfpublishing, die uns da draußen eindrucksvoll und ermutigend beweisen: Wir sind weder die Wasserträger noch die Brunnenvergifter. Wir sind die Quelle. Und wenn es sein muss, sprudeln wir auch ohne den Eimer, der uns hält.

Il chitarrino le suonero!

The Sky is the Limit

In dieser Woche habe ich einige aufschlussreiche Gespräche über Zukunftsperspektiven geführt. Nicht was das Wetter oder das Haushaltsbudget dieses Landes betrifft, sondern nur in Bezug auf meine Zukunft als Autor.

Der Markt ist schlecht. Wenn man einen Verlag hat, der an einem festhält, muss man dankbar sein. Darüber hinaus Erwartungen zu hegen, ist geradezu vermessen. Am besten, man schreibt einen gemütlichen, ungefährlichen Roman, dessen Thema der Verlag aufgrund gemütlicher, ungefährlicher Kriterien ermittelt hat, in dem gemütlichen, ungefährlichen Stil, den der Verlag einem aus Erfahrung zutraut, schneidet an jeder Ecke ab, was über gemütliche, ungefährliche Grenzen hinausragen könnte, und gibt sich mit gemütlichen, ungefährlichen Zahlen zufrieden. So produziert man keine Bestseller. Aber wenn man einen Flop produziert, ist man zumindest nicht schuld, denn man hat ja gemütlich und ungefährlich getan, was man sollte.

Ein netter Rat. Ich weiß das zu schätzen, ganz ehrlich. Es klingt anders als früher, wo ich an: „Ja, wissen Sie, Frau L, mit Ihren Zahlen ist ja leider kein Staat zu machen“, gewöhnt war. Ich könnt‘ mich jetzt ausruhen. Nicht auf meinen Lorbeeren, aber in meinem Ohrensessel. Noch vor anderthalb Jahren wäre ich über einen solchen Rat ohne Zweifel zutiefst erleichtert gewesen.

Jetzt bin ich vermessen. Gierig. Unverschämt. Ich stelle fest: Ich bin eine Oma, kurz vor fuffzich. Aus dem gemütlichen, ungefährlichen Alter raus. Ich will das Leben gefährlich, rasant, fünftausendeinhundertsiebenunddreißig Meter hoch, sechsundzwanzig Meilen lang, tollkühn, grenzenlos, gewagt und sexy.

Vielleicht sollte ich mir abgewöhnen „vor anderthalb Jahren“ zu schreiben, wenn ich VOR HATTI meine. Ich fahre doch auf die Hatti nicht so ab, weil ich in ihre Themen verliebt bin (wobei das schon Spaß macht – vor allem, nachdem ich überzeugt war, ich hätte diesbezüglich meinen Anteil längst vertilgt). Sondern weil ich sie gewagt und spritzig, originell, übers Ziel hinaus schießend, aufregend und total erotisch finde. Weil sie ein Wagnis ist. Wenn der Markt so übel ist, wenn wir sowieso untergehen, dann möcht ich’s nicht im Ohrensessel, sondern mit fliegenden Fahnen tun. Ich möcht‘ keinen Roman mehr, bei dem ich mir am Ende sage: „Fein, fein, das hast du aber wacker hinbekommen“, sondern einen, bei dem mir das Herz pumpt, während ich in mein eigenes Ohr zischen möchte: „Au warte. Bei dem, was du dir da erlaubt hast, gehst du besser in Deckung.“

Ich will mehr Romane, bei denen ich weiß: Ich habe mit den Lesern nicht meine Schlaftabletten geteilt, sondern meine Endorphine, meinen Pulsschlag, meine wilden, schlaflosen Nächte. Ich gebe ein Stück von mir zum Verriss frei, etwas, das gehasst und geliebt werden darf. Ich möcht‘ keinen Drei-minus-Roman mehr. Kein Never change an at least not crashing system. Als ich meinen sechsten Roman schrieb und mich kläglich schleppte, habe ich in sein Notizbuch gekritzelt: „Vielleicht funktioniert ein sechster Roman nur, wenn man sich fühlt, als wäre es der erste.“

Die Hatti war mein einundzwanzigster Roman. Sie war der erste. Ich will das alles noch einmal von vorn.

Wer auf dem Teppich bleibt, kann keinen Berg besteigen. Ich möchte noch einmal lichterloh brennen, ehe ich mir erklären lasse, wie und warum man das löschen kann.

What made my day (and more)

Leider kann man auf dem von Technik-Doof Charlie gemachten Foto nicht erkennen, wie schön die ist, die Vorschau, und mit dem Verlinken auf die Knaur-Seite ist mein nur hälftig nutzbares Gehirn natürlich erst recht überfordert, aber wie auch immer: Fünf Tage lang war die Welt grau verschleiert, so leuchtend, wie sie sein kann, finde ich sie vermutlich auch morgen noch nicht, aber zumindest wird mir wieder klar, auf welch hohem Niveau ich hier jammere. Whatever happens – die Hatti, die Carmen und ich haben den weltnettesten Verlag. DAS ist unsere Vorschau. Wenn wir uns vier Tage lang kleingemacht gefühlt haben, hat uns gerade einer mit mächtig starken Händen in die Höhe gehoben. Und vielleicht sollten wir das allmählich dann doch mal lernen: dass wir verdammt (sorry) viel Glück haben und in verdammt (sorry) guten Händen sind.

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Wachsen und Schrumpfen

Erholt habe ich mich immer noch nicht. Trotz der grandiosen Hilfe der Kollegen, für die ich mich nicht laut genug bedanken kann. Für mich ist das die schönste Errungenschaft des Internet, das ich nicht immer als unproblematisch erlebe – die Möglichkeit, einsame Schreibtische netzweise zu verknüpfen, um Hilfe zu schreien und Hilfe zu bekommen, bevor man sein Laptop durch die geschlossene Fensterscheibe schmeißt und den Ausdruck zerfetzt.

Durch den sehr schnellen Kontakt mit Menschen, deren Handwerk das Schreiben von Romanen ist, lässt sich ein abwertendes, demoralisierendes Urteil relativieren, einordnen, schwächen. Dafür dass die Hatti und ich trotzdem noch nicht wieder gerade stehen, schäme ich mich ein bisschen. Aber so bin ich eben. Zeit, sich damit abzufinden.

Eine Kollegin, die von derlei Erlebnissen auch ein trauriges Lied singen kann, erzählte, sie würde letztendlich daran wachsen. Das erfüllt mich mit lauter Bewunderung und leisem Neid. Ehrlich gesagt: Ich hab das nicht drauf. Mir fehlt’s da entschieden an Resilienz, wobei ich das Wort nicht missbrauchen wollte (dass ich’s in letzter Zeit inflationär benutze, ist mir schon aufgefallen). Ich wachse daran nicht. Ich schrumpele. Meine Schreibstimme wird von Tag zu Tag kleiner und murksiger. Ich fühl mich zu kurz geraten, um weiter mit den Lesern von „Als wir unsterblich waren“ zu flirten. Selbst mein Gesicht im Spiegel kommt mir trockenpflaumig vor.

Ich mag das an mir nicht. Ich hätte gern zwei leichte Schultern, ich würde gern meinen Roman umarmen und ihm ins Ohr lachen: So what? Was kratzt’s die Eiche? Stattdessen klemme ich mir ein Monokel ins Auge, bis es wehtut, und untersuche ihn kleinlich nach Schäbigkeiten.

Daran, dass meine ersten Bücher bei den Lesern nicht gut ankamen, bin ich gewachsen, denke ich. Ich habe Kritik gesammelt, habe mich daran entlang gearbeitet, habe versucht und geübt. Wenn ich „Als wir unsterblich waren“ mit diesen Büchern vergleiche, atme ich auf und denke: die alten Fehler sind immer noch spürbar, das Buch ist ja schließlich von mir – aber da hat eine Entwicklung stattgefunden. Wenn ich Ararat angesehen habe, in den Wochen vor dem vergangenen Freitag, habe ich sogar gedacht: Aha. Da ist noch ein bisschen Luft nach oben. Ein bisschen Platz, um nach den Sternen zu greifen, und dafür trainiere ich schon mal den Arm.

Jetzt ist mir mein Arm dazu zu kurz. Ein aggressives, abschätziges Urteil ist keine Kritik, an der ich mich hochziehen kann. Ich kann mit dem Fuß stampfen. Ich kann mich auch trotzig auf den Boden schmeißen. Aber dadurch entsteht kein Text. Text entsteht, solange ich im Ohr habe: Was immer schiefgegangen ist, ich trau dir das zu.

Never mind. Ich krieg mich auch irgendwann wieder ein, und einen Zentimeter kleiner kann man immer noch über den Tellerrand schauen. Zum Trost lese ich ein großes Buch – daran wachs‘ ich immer. An dem Gedanken: Es geht. Auch wenn’s bei mir nicht geht. So what. Das Buch ist brandneu, als hätte der Autor – der Schriftsteller und Regisseur Thomas Hartwig – es punktgenau für mich geschrieben (sowas freut mich ja dann wieder diebisch). Es heißt „Die Armenierin“, ist beim SalonLiteraturverlag erschienen und erzählt auf 800 Seiten die Geschichte Armin T. Wegners. In der Ich-Form! Was für ein couragiertes Unterfangen. Und ein geglücktes. Hartwig hat keine Angst vor epischem Atem, er hängt sich aus dem Fenster und macht Ernst mit seinem Buch – da steckt Leben drin, da hält einer nicht damit hinterm Berg, dass er etwas zu erzählen hat. Und dass er erzählen kann und dabei mehr als ein Register ziehen. Sehr empfehlenswert. Auch für Menschen, die weniger monomanisch veranlagt sind als ich und sich schlicht daran freuen, wie eigen, überraschend und kraftvoll man einen biographischen Roman schreiben kann.   

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Er hat auch den Rücken krumm gemacht …

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… ohne sich zu beugen.

(Newton, Skulptur von Eduardo Paolozzi, vor der British Library)

Aufgerichtet haben wir uns noch nicht wieder, die Hochstimmung ist flöten und das Gefühl, in den eigenen Roman verliebt zu sein, das brandneu für mich war und Monate gehalten hat, auch. Stattdessen bohrt weiterhin in mir die Frage, ob man einen Roman, zu dessen Thema man so wenig Distanz halten kann, überhaupt schreiben sollte.

Aber zurück auf den Teppich zu kommen, hat mit größter Wahrscheinlichkeit seinen Sinn. Interessant ist – wenn mir das früher passiert ist, habe ich immer gedacht: Okay, ich habe einen blöden Roman geschrieben, also muss ich mich jetzt hineinknien und einen besseren schreiben. Mit der Hatti funktioniert nicht mal das. Stattdessen denke ich: Was du da in den Sand gesetzt hast, war deine beste Chance. Wozu sich die Mühe machen und einen danebensetzen? Und noch einen und immer wieder noch einen? Ich habe dazu gar keine Lust und auch keinen Ehrgeiz.

Und auf eine seltsame Weise gefällt mir das sogar. Hatti bleibt anders. Ich wollte diese Geschichte erzählen. Keine andere. Wenn man solche Geschichten nicht erzählen sollte, dann sollte man eben nicht. Besser eine, die man nicht soll, als eine, die man nicht braucht.

Die Hatti hab ich gebraucht. Und ich mach’s wie Paolozzis Newton. Mein Rücken bleibt krumm, aber schwarz und klotzig und trotzig versperr‘ ich trotzdem die Sicht.

 

Und wie an allen trüben Tagen (trotz glorreichen Wetters) …

 

… dies hier zur Ermutigung, für Hatti, für Ararat, für mich und für alle, die’s heute nötig haben:

„Der Salamander ahnt nichts von den schwarzen und gelben Sprenkeln auf seinem Rücken. Es fällt ihm nicht ein, dass diese Flecken zwei Kettchen bilden oder dann zu einem dichten Streifen verschmelzen, je nachdem, wie feucht der Sand, wie lebensfroh oder traurig die Auskleidung des Terrariums ist.

Doch der denkende Salamander, der Mensch, errät das Wetter des morgigen Tages – wenn er nur selber seine Färbung bestimmen könnte.“

Ossip Mandelstam, die Reise nach Armenien

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For better or for worse

Nun also hängen wir wieder auf Halbmast. Hatti und ich, denn die Carmen kratzt das ja nicht. Nach Monaten, in denen ich die Arbeit an diesem Text nur genossen und dabei ein Stück Vertrauen in meine eigene Kraft als Erzähler zurückgewonnen habe, sind sie jetzt auf einen Schlag alle wieder da, die Fragen, die ich nicht mehr wollte, die Zweifel, die nicht anspornen, sondern lähmen:

Bist du die ganze Zeit einer Täuschung aufgesessen und auf dem Boden der Tatsachen taugt der Text nicht?

Wenn du es nicht gerafft hast, diesen so zu schreiben, dass er Respekt für sich einfordert, wie kannst du so dreist sein, dich an einen zu wagen, der Respekt noch bitterer nötig hat?

Ich fürchte, ich bemerke jetzt erst, auf was ich mich eingelassen habe. Und dass die Fragen bei der Hatti viel schärfer sind und tiefer treffen als bei den anderen. Hinter den oberen zweien lauert nämlich diese:

Wieso schreibst du einen Text, dessen Thema dir so nahe geht, dass es dir unter den Rippen knackt, wenn jemand ihm einen Tritt versetzt? Dem bist du doch gar nicht gewachsen. Das steht dir doch gar nicht zu.

Das ist das schlimmste: Ich habe das Gefühl, nicht ich und mein Text seien respektlos behandelt worden, sondern das Thema. Und ich wäre daran schuld. Meine Hatti, nach der ich mich die ganze Zeit gesehnt habe – jetzt habe ich Angst, sie anzufassen.

Ich bin enttäuscht. Von mir. Ich habe nicht gedacht, ich könnte noch einmal so einbrechen. Ich fühle mich treulos. Wieso zählen die vielen Wochen Freude am eigenen Text auf einmal nichts mehr? Was ist denn mit for better or for worse, for richer, for poorer, in sickness and in health? Der Text, der vor mir liegt, ist immer noch derselbe. Mein Glückstext. Der Roman, der gerade herausgekommen ist, ist noch immer auf der Liste. Und der, den ich schreiben will, ist noch immer der, von dem ich gedacht habe: Jetzt hast du’s. Jetzt weißt du, wie’s geht.

Gut ist immerhin: Ich bin eingebrochen. Aber vor dir, nicht hinter dir, Hatti. Ich gebe zwar keine gute Figur ab, aber über mich kommt man immerhin nicht hinweg. Ich bin dein Autor (andC). Ich will dich noch immer nicht tauschen – auch nicht, wenn in sieben Monate Leser in derselben abschätzigen Weise über uns sprechen. Das ist ziemlich wenig, aber es ist ziemlich viel mehr, als ich den anderen habe geben können. Für mich ist es: von Null auf Hundert.

Und noch eins. Ich hab‘ einen Termin im archäologischen Institut, ich schmeiß den Rest der Tagesplanung um und geh hinterher mit dir und Ararat in die British Library. Vielleicht ist uns dreien heute nicht nach Flirten, vielleicht ist uns nie wieder danach, aber wir können immerhin zusammen Kaffee trinken.

Und letztens, um Farbe zu bekennen: Die Hatti ist mein Buch. Ganz und gar meins. Wenn sie misslungen ist, ist sie von mir misslungen. Und sie ist mein Buch für Detlef, der ein Recht auf seinen Namen hat.

Für meinen Primo uomo

 

Mein Schönster.

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In den letzten Tagen hat „Als wir unsterblich waren“ dir die Show gestohlen, was dich nicht kratzt, weil du um dich keine Show magst. Gedacht habe ich trotzdem unablässig an dich, was dich auch nicht kratzt – so wenig wie, dass ich dich vermisst habe. Mich so tief und so unerwidert in einen Mann aus Fleisch zu verlieben, hätte ich mir nie gestattet, nicht einmal mit sechzehn. An dir entzückt mich die kalte Schulter. Der Noli me tangere-Blick. Ich bin so froh, dich gehabt zu haben, auch wenn ich dich nicht hatte. Das Gefühl, dich „geschaffen“ zu haben, hatte ich nie. Du hast dich selbst geschaffen – und mich geschafft.

Der Tage habe ich mir Sorgen um dich gemacht und war zugleich stolz auf dich, weil du auf meine Sorgen pfeifst und alles allein kannst. Heute kommst du aus dem Lektorat, heute sehe ich dich zum ersten Mal wieder, nachdem ein anderer als ich dich hergenommen, dir Schliff verpasst oder dir womöglich auch den schönen Kopf zurechtgerückt hat. Nicht so zärtlich und zimperlich wie dein Autor, fürchte ich. Aber du bist ja hart im Nehmen. Vergisst du bitte trotzdem nicht, egal wie es ausgegangen ist, dass dein Autor dich liebt und sich im Notfall vor dich stellt?

Doch, das vergisst du. Denn es kratzt dich ja nicht, und wenn ich vor dir stehe, zischst du: Du stehst mir im Weg.

Du kannst ohne mich. Du bist von mir längst weit weg. Das tut weh. Aber es macht mich auch zum Platzen stolz. Gute Reise, mein Schönster. Yertak parov.

 

Und hätten der Liebe nicht …

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Die dunkle Rose der Sorte „Uncle Walter“, das Symbol der sinnlichen Liebe, kommt mit herzlichem Dank an die Leser, die „Als wir unsterblich waren“ so überaus freundlich aufnehmen. Über die Eindrücke und Rezensionen, die inzwischen im Netz auftauchen, freue ich mich bis dorthinaus. Wie schon mehrfach gesagt und noch viel öfter gedacht: Ein Buch geschrieben zu haben, das Leser mögen, ist so überwältigend, dass ich immer wieder stillhalten und diesem Gefühl zuhören muss. Vielen Dank!

Mit einer Spur Bedauern (manche Leute sind halt nie zufrieden …) stelle ich jedoch fest, dass die Liebesgeschichte weniger gut ankommt als der Rest – wie leider bei all meinen Büchern. Über eines schrieb mir sogar einmal Rezensent, der dies als Kompliment meinte: „Das ist eigentlich gar keine Liebesgeschichte.“

Für mich ist das kein Kompliment. Ich möchte über den Tod schreiben, und ich möchte über die Liebe schreiben, das eine ohne das andere funktioniert für mich nicht. Gilgameschs Ringen um Unsterblichkeit ist leer und überheblich, bis er begreift, dass er Enkidu liebt. Wie die Angst vor dem Tod sich anfühlt, weiß sein Körper nicht, bis er den sterbenden Enkidu in den Armen hält und gegen den Himmel anbrüllt, weil er ihn liebt.

Ich möchte keine Liebesgeschichten schreiben, von denen Leser finden, sie seien gar keine. Und wo ich (ach nee, die Carmen) jetzt kurz davor stehe, mein Lieblings-Liebespaar aufzufahren, die beiden schönsten, zärtlichsten, zauberhaftesten, die ich (andC = ach nee die Carmen) zu bieten habe, und in die ich (nndC = nee, nicht die Carmen) selbst so verliebt bin, dass ich (nndC) sie über einen zweiten Roman führen will, wird mir (nndC) ein bisschen bange. Was mach‘ ich denn, wenn die zwei, die mich (nndC) völlig um ihre Finger gewickelt haben und  seit Monaten in den Wahnsinn treiben, es auch nicht schaffen, euch vom Hocker zu reißen?

Für die Hattuša ist der Zug abgefahren, die kommt morgen aus dem Lektorat. Aber für Ararat möchte ich (nndC) gern gierig alles mitnehmen, was ich an Hilfe von Lesern und Kollegen bekommen kann. Deshalb würde ich mich sehr über jeden freuen, der mir erzählt, was für ihn eine Liebesgeschichte ausmacht und warum sie ihn berührt. Von Kollegen wüsste ich gern, was sie ihren Liebesgeschichten geben, damit sie berühren. Und von euch allen wüsste ich gern: Welches sind eure Lieblings-Liebespaare in der Literatur? Meine verrate ich natürlich auch. Neben Gilgamesch und Enkidu sind es Dshamilja und Danijar aus Tschingis Aitmatows „Dshamilja“.

Ich (uadC = und auch die Carmen) sind gespannt!