Schnittstelle

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Noch liegen die einträchtig beieinander. Hattis Kladde, Ararats Kladde und ein Immer-zur-Hand-Buch für beide. Gestern aber habe ich zum ersten Mal gewagt, mich zu fragen, ob das eigentlich geht, dass die so innig, zärtlich und auch ein bisschen verzweifelt ineinander verklammert bleiben.

Man braucht ja kein Chirurg zu sein oder einen Chirurgen zum Bruder zu haben, um zu wissen, dass manchmal geschnitten werden muss, um eine Ordnung im Körper wieder herzustellen. Man braucht auch weder Chirurg noch Chirurgenverwandter zu sein, um zu wissen, dass Schneiden wehtut.

Ob ich schneide, weiß ich noch nicht.

Aber ich glaube, ich muss.

Ich habe die Hatti so geliebt. Ich liebe sie immer noch, was für mich ganz und gar erstaunlich ist, und vielleicht werde ich sie allein dafür – dass sie von mir (ach nee, von der Carmen) ist und ich sie trotzdem so lange lieben konnte – immer weiter lieben.Ich finde sie gelungen. Sie ist eine, die völlig und willig die Forderungen ihrer Form erfüllt, und hineinstopft, was immer ihr gefällt. God bless you, Hatti. Aber an dem, was ich zu verdrängen versucht habe und was in den letzten Wochen trotzdem immer wieder nach oben geschwappt ist, komme ich nicht mehr sehr lange vorbei: Die Form ist zu klein für Ararat. Er passt nicht rein. Und das Gewicht von der Hatti hält ihn am Boden fest. Wenn ich nicht schneide, wenn ich ihn nicht losmache und freigebe, kann er nicht fliegen.

Das braucht so entsetzlich viel Mut. Und an Mut hat es mir als Autor immer gefehlt. In meinen Augen waren Ararat und ich schon Helden, weil wir ohne Verlag zum Festhalten lospreschen wollten. Wir brauchten wenigstens die Hatti zum Festhalten. Ihre Wärme, ihre Kraft, ihr Stehvermögen. Wenn wir uns von der Hatti schneiden, gibt es nur noch uns. Ganz allein. Was wir an Kraft nicht selbst aufbringen, wird nicht da sein. Das schnürt mir die Luft ab. Aber um einen Fünftausender zu besteigen, muss man ja wohl lernen, an einem Mangel an Luft nicht in Panik zu geraten.

Ein bisschen von dem Mut, der mir fehlt, hat mir gestern mein Agent gemacht. Und ein bisschen macht mir Ararats Zustand. Du bist schön, mein Freund, schön bist du, unser Lager ist grün.

Ararat losschneiden heißt auch: Hatti hinter mir lassen, ohne zu wissen, ob ich nochmal einen haben werde, der so genau in meine Arme passt. Das tut am meisten weh. Ich habe mich diese ganze Zeit über benommen, als müsste ich von diesem Roman nie getrennt werden. Ich möcht‘ noch eine Weile hier sitzen und die zwei zusammen streicheln. Meine schönen Geschwister. Ich möcht‘ auch noch eine Weile lang überlegen, wie das technisch gehen soll. Aber dann möcht‘ ich – glaube ich – schneiden. Und weitergehen. Vorwärts. Aufwärts. 

5 thoughts on “Schnittstelle

  1. Was oder vor Allem WEN willst Du schneiden?
    Jetzt habe ich Angst … Angst ums Wildschwein
    Überlass es mir bevor Du es schneidest … ich trete nur

  2. Ich kann ja nicht, Inge! Du musst mit mir teilen (und beim Treten vorsichtig sein), denn ich bin voellig ohne Hoffnung verfallen.
    (Und dass man das mit dem Schneiden nicht jugendfrei verstehen koennte, ist ja schon wieder typisch …)
    Ich denke, ich muss die zwei Romane auseinanderschneiden, weil man Wildschweine nicht in Gaerten halten kann (behauptet jedenfalls mein Mann). Dass sich das so obskur anhoert, liegt daran, dass ich ja auch noch nicht weiss, wie ich das machen soll.

    Ein himmlisches Sonnenwochenende wuenscht
    Charlie

    • Ich wünsche Euch auch ein wunderschönes Wochenende …
      Aber Sorge ums Wildschwein habe ich seitdem ich dachte ich weiß was mit ihm passiert und nun Alles wieder offen ist

  3. Wenn mir sowas andere Autoren (deren Figuren sie am Fruehstueckstisch besuchen etc.) erzaehlt haben, hab ich immer leise, still und heimlich bei mir gedacht: Ja, ja, und Ostern faellt naechstes Jahr auf Weihnachten.
    Inzwischen bin ich selber in dem Club gelandet, der im Ostergras Marzipankartoffeln versteckt, und versichere: Was ich mir so ueberlege, ist ohnehin gehupft wie gesprungen (um beim Osterhasen zu bleiben). Das Wildschwein macht, was es will. Es braucht ueberhaupt keinen Autor. Nur eine Tippse.
    (Ich kann deshalb nicht behaupten, ich wuerde ihn nichts tun lassen, wobei er sich den Schaedel einrennt, denn er fragt mich nicht. Aber da ich die Tippse bin, bleibt mir immerhin die Macht, zur Not auch Schaedelbrueche wieder zusammenzutippseln. NICHT WEITERSAGEN!)

    Macht’s euch so richtig schoen!
    Alles Liebe von Charlie

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