Ghosting (for) you

Was macht eigentlich ein Ghostwriter? Und was macht er oder in meinem Fall sie nicht?

Da ich immer wieder Anfragen bekomme, die in die falsche Richtung gehen, und weil ich Hoffnungen, die ich nicht erfüllen kann, gar nicht erst wecken will, möchte ich das hier einmal erzählen: 

Meine Geschichte vom Ghostwriting.

Vorab: Ich liebe es, Ghost zu sein. Weil ich gern Geschichten erzählt bekomme und gern Geschichten erzähle. Ghostwriting ist beides. Jemand, der etwas Spannendes, Faszinierendes, Komisches, Tragisches oder Unglaubliches zu erzählen hat, erzählt es mir. Und ich darf es nehmen und in eine Form klopfen, die weitererzählt werden kann. Ein grandioses Gefühl: Ich habe die ganze Begeisterung, die ganze selige Fassungslosigkeit, wenn so ein quicklebendiges Bündel Geschichte schließlich fertig in meinen Händen zappelt, und obendrein noch diese wundervoll verblüffte Überraschung, weil sie nicht meinem Hirnkasten entsprungen ist, sondern einem anderen. Ich lerne die interessantesten Menschen kennen und das, was mich an Menschen am meisten fesselt: die Geschichten, die in ihnen leben.

Unbezahlbar.

Und bezahlt werde ich dafür obendrein.

Was will man mehr?

Das erste Mal, dass ich als Ghostwriter in Aktion trat, liegt inzwischen dreißig Jahre zurück. Damals schrieb ich für einen Herrn namens Hartmut Lindner (Name geringfügig geändert), der eine tolle Komödie im Kopf, aber weder Zeit noch Erfahrung hatte, sie zu schreiben. Ehrlich gesagt – Erfahrung hatte ich auch noch keine, aber er vertraute mir, und ich leckte jede Menge Blut. Seine (Achtung: nicht meine!) Story wurde ein richtig großer Überraschungserfolg (Ja, ich weiß, war damals noch leichter als heute, aber leicht war es nie), und wir haben hinterher mit viel Vergnügen noch zwei Bücher miteinander gemacht.

Wohlgemerkt: Seine Bücher. Nicht meine.

Denn ein Ghost heißt Ghost, weil er im Verborgenen bleibt und niemand so richtig weiß, dass es ihn gibt.

In den dreißig Jahren, die folgten, habe ich für Schauspieler, Musiker, einen Tennis-Star, einen Fußballer, eine Tierschützerin, mehrere bekannte Autorenkollegen, eine Prinzessin, einen Clown, zwei Naturwissenschaftler und etliche nicht prominente, aber ebenso wichtige Menschen geghostet. Ich habe ihre Romane, Novellen, Biografien, Ratgeber und Reiseberichte in Worte gefasst und mich gefreut, wenn sie und ihre Autorinnen und Autoren ihren Weg fanden. Denn wohlgemerkt: Der Autor oder die Autorin ist mein Auftraggeber. Es ist und bleibt seine/ihre Geschichte. Ich bin nur der Ghost.

Das bedeutet:

Wenn ein Autor oder eine Autorin mich als Ghostwriter beauftragt, erzählt er oder sie mir eine Geschichte je nach Wunsch schriftlich oder mündlich, und er oder sie bezahlt mir (in zwei Raten) einen dafür festgelegten Preis. Die Geschichte, die ich daraufhin schreibe, bleibt seine oder ihre. Nach der Manuskriptabgabe ändere ich alles, was er oder sie geändert haben möchte. Und danach bin ich ‚raus‘. Sowohl arbeitsmäßig als auch finanziell.

Ich biete all meinen Kundinnen und Kunden eine umfassende Marktberatung und -betreuung an und bleibe ihnen gerne verbunden. Aber was sie danach mit ihrer (!) Geschichte machen, geht mich nichts an. Sie können damit genauso tun und lassen, was sie gern möchten, wie ich mit es mit meinen Geschichten kann. Und: Was immer sie hinterher mit diesen Geschichten für Einkommen generieren, geht mich auch nichts an. Ich habe mein Geld bekommen. Sämtliche Einnahmen gehören dem Autor oder der Autorin.

Auch wenn das Buch wie eine Granate einschlägt.

Auch wenn es verfilmt wird.

Auch wenn es auf der Bestsellerliste landet. 

Einer der zauberhaften Autoren, bei denen letzteres passierte, war so reizend, mir beharrlich eine Prämie auszahlen zu wollen. Aber so geldgierig ich auch bin, musste ich das ablehnen. Vertrag ist Vertrag. Er durfte mich aber bei einem Besuch hier in London zum Essen einladen. Und meinen Mann habe ich auch mitgebracht. Er (der Kunde, nicht mein Mann) hat’s von der Steuer abgesetzt.

Das macht ein Ghostwriter.

Und was macht er oder sie nicht?

Er oder sie lässt sich auf keine „Und als Bezahlung teilen wir uns die Tantiemen“-Regelung ein, sondern berechnet einen festgelegten Preis. Er oder sie ist nämlich ein Dienstleister. Autor oder Autorin bleiben Sie.

Er oder sie arbeitet zwar gerne mit Ihnen vorab an Plot und Material und berät Sie aus seiner Erfahrung heraus, aber er denkt sich keine Geschichte aus. Er schreibt die, die Sie sich ausgedacht haben. Nach Ihren Wünschen. Sonst wäre er oder sie nämlich Autor oder Autorin. Kein Ghost.

Er oder sie wird nie versuchen, Ihnen die Zügel zu entreißen. Wenn Sie sagen, der Hund ist aber blau, dann ist der blau. Und bleibt’s. Auch wenn Ihrem Ghost die Tränen den Rücken runterlaufen. Das müssen wir Ghosts eben wegstecken und mit blauen Hunden leben können. (Übrigens sind durchaus nicht alle meine Beispiele fiktiv …)

Er oder sie wird weder Ihren Namen noch den Ihres Werks jemals in Verbindung mit sich selbst öffentlich nennen. In dem Augenblick, wo sie Ihre Geschichte als fertig übernehmen, ist es nur noch Ihre. Für immer. Und ohne Wenn und Aber.

Und letztens: Er oder sie tut nichts, das gegen das Gesetz verstößt oder moralisch fragwürdig ist. Und der Ghostwriter, der diesen Text geschrieben hat, übernimmt keine Aufträge rassistischen, sexistischen, ableistischen, queerfeindlichen oder auf andere Weise menschenverachtenden bzw. faschistoiden Inhalts. Aber das versteht sich ja von selbst, und dergleichen steht für Sie genauso außer Frage wie für mich.

Ich freue mich auf Ihre Geschichten. Aber nur dann, wenn wir beide von Anfang an wissen, wer wer ist. 

Autor oder Autorin sind Sie.

Ich bin Ihr Ghost.

Und Fragen beantworte ich selbstredend gerne, hier oder per Mail.

Carli

Einen Namen braucht er. Einen Namen hatten alle Geschichten, die ich unbedingt schreiben wollte, also muss diese auch einen bekommen. Damit ich daran glaube, dass sie eine Geschichte wird.

Eigentlich kann ich mir das nämlich nicht mehr leisten, eine Geschichte zu schreiben, deren einzige Daseinsberechtigung darin besteht, dass ich sie unbedingt schreiben will. Wenn ich aber ehrlich bin, konnte ich das damals, als ich Ararat schrieb, auch nicht. Und irgendwie ist Ararat trotzdem fertig geworden.

Wenn ich an keine Geschichte, die ich selbst will, mehr glauben kann, dann halte ich auf dem Buchmarkt als Geschichtenerzählerin nicht mehr viel länger durch. Weil in meinem Kopf tagtäglich ein ‚Warum‘ hämmert, das sich immer schwerer beantworten lässt. Kunden und Kundinnen, Kollegen und Kolleginnen geht es ähnlich. Viele hören auf. Und ich will das noch nicht. 

Also geb‘ ich meinem Warum jetzt eine Antwort.

Und einen Namen:

Carli.

Diesen Blog begonnen habe ich damals, weil ich ‚Ararat‘ schreiben wollte. Viele von euch haben mich begleitet, und eines Tages war Ararat ein Roman.

Wenn ich jetzt wieder mit dem Blogschreiben beginne, klappt das dann vielleicht noch einmal, trotz allem, was inzwischen anders ist?

Ja, ich will das. Ich will, dass es immer noch Geschichten geben kann, die ganz und gar meine sind. Die mich aufregen, mich nachts aus dem Bett treiben, meinen ganzen Kopf in eine Party verwandeln, die das ‚Warum‘ zum Schweigen bringt. 

Diese ist die erste.

Liebe Leute, bitte sagt ‚herzlich willkommen‘ zu Carli.

Ja, ja, schon wieder geht’s um die Preise

Eigentlich schade.

Nach diesem Blog sehne ich mich oft und hätte größte Lust, hier wieder häufiger etwas zu schreiben. Über die Filme, die ich sehe (totally in love with Frankenstein), die Bücher, die ich lese (Hach, der neue Stewart O’Nan …), die immer wieder ermutigenden Erfolge meiner talentierten Kundinnen und Kunden und die Geschichten, die ich auch weiterhin erzähle, obwohl der Gegenwind stärker wird. Besonders eine, die ‘Ben is Missing’ heißt, die seit mehr als vier Jahren in mir herumtobt und die ich aufschreiben muss, wenn ich sie mir eines Tages leisten kann.

Womit wir – leider – beim Thema wären. Bei dem einzigen Thema, für das ich in diesem Blog offenbar noch Zeit finde. Nicht mehr leisten kann ich mir bedauerlicherweise meine Preise, die bereits seit Jahren unterhalb der untersten Grenze des Segments herumtanzen. Weshalb sich die nun leider ab 1. März 2026 beträchtlich erhöhen.

In Zukunft berechne ich als Ghostwriter € 50 pro Normseite und bin damit immer noch günstig.

Als Coach für Romanautorinnen und -autoren berechne ich künftig € 75 pro Stunde, ebenfalls noch am unteren Ende der Skala.

Sie bezahlen damit meine jahrzehntelange Erfahrung, meine ausgezeichneten Referenzen, meine umfassende Ausbildung und meine Liebe zu diesen Tätigkeiten.

Es gibt – von meiner Arbeit an Drehbüchern und von ‘Ben is Missing’ abgesehen – nichts, was ich in meinem Beruf lieber mache als diese beiden Dinge: Geschichten erzählen, die in den faszinierenden Hirnen anderer Menschen entstanden sind, oder diese Geschichten auf ihrem Weg begleiten. Und ja, durchaus, mir begegnen immer mal wieder dermaßen unwiderstehliche Geschichten und dermaßen begabte Autorinnen und Autoren, dass ich ihre Betreuung am liebsten ‘für ‘nen Appel und ‘n Ei’ übernehmen würde. Da mein Erbonkel sich immer noch nicht gemeldet hat, ist mir das aber nicht möglich. Und deshalb sind diese Preise auch höchstens in Ausnahmefällen (Stammkunden mit sehr großem Auftragsvolumen) verhandelbar.

Ich werde weiterhin immer offen sagen, wenn ich mich für ein Projekt nicht kompetent fühle oder an das Projekt nicht glaube. In diesen Fällen erschiene es mir nicht richtig, den Auftrag anzunehmen, und ich empfehle stattdessen gern eine Kollegin oder einen Kollegen.

Versteckte Kosten gibt es bei mir nicht. Der Preis, den ich Ihnen bei der Buchung nenne, ist der, der Ihnen berechnet wird. Transparent und ohne Wenn und Aber. Zudem biete ich allen Kundinnen und Kunden eine umfassende Vermarktungs-Beratung und Begleitung bei der Erstellung des Bewerbungsmaterials an.

Und gleichgeblieben ist auch etwas: Wie bereits seit Jahren berechne ich als Lektorin weiterhin € 7,50 bei Aufträgen ab 100 Seiten und normalem Schwierigkeitsgrad (zwei Durchgänge) und für Übersetzungen aus dem Englischen oder Italienischen je nach Textart und Anspruch zwischen € 15 und € 22.

Immerhin etwas, oder?

Ich freue mich auf Ihre Geschichten. Und auf Sie. Und wer weiß, vielleicht schreibe ich irgendwann ja auch wieder über etwas anderes als Geld in diesem Blog.

Life comes at a price …

Und der steigt, wie wir alle eher schmerzlich erleben, unaufhörlich. Zumindest, was das Finanzielle betrifft. Über anderes würde ich mich gerade hier zwar auch gerne mal wieder auslassen, aber wenn man ständig Geld verdienen muss … ich erspare es Ihnen. Sicher können Sie solche Lieder alle selber singen.

Anyway – noch immer betreue ich mit Passion und Begeisterung (vor allem aber mit Kenntnis und Erfahrung) Ihre Geschichten und freue mich auf eine jede – denn jede, die ich annehme, ist eine besondere für mich. Der Weihnachtsmann bin ich aber nicht, und zu den Leuten, die ihre Arbeit so sehr lieben, dass sie sie – wenn sie es sich leisten könnten – umsonst machen würden, gehöre ich auch nicht. Sie kennen mich ja. Wenn ich es mir leisten könnte, würde ich den ganzen Tag im Kino sitzen und die Welt um mich vergessen. Und damit ich da zumindest so oft wie irgend möglich sitzen und mir manchmal auch Popcorn kaufen kann, brauche ich Ihr Geld.

Mehr davon als bisher. Mein Lieblingskino hat die Preise im letzten Jahr erhöht. Ich habe so lange wie irgend möglich gewartet, aber wenn ich jetzt nicht in die Pötte komme, schmeißen die mich raus.

Also … wer mich seine Geschichte streicheln, schütteln und in Form klopfen lassen will, muss künftig mit Folgendem rechnen:

Für ein Lektorat in mindestens zwei Durchgängen berechne ich ab 1. März 2024 € 6,50 pro Normseite. Vorausgesetzt der Text ist in einem Zustand, den man gemeinhin als ‘lektoratsreif’ bezeichnet.

Ein Coaching – die umfassende Betreuung Ihres Roman- oder Sachbuchprojekts – kostet Sie von nun an € 75,00 pro Stunde. Und da es sich anders weder für mich noch für Sie lohnt, nehme ich Aufträge erst ab einem Kontingent von mindestens zehn Stunden an.

Für ein Ghostwriting – die eigenständige Abfassung Ihres Roman- oder Sachbuchprojekts nach Ihren Vorgaben – verlange ich € 35,00 pro Normseite. Bei sehr umfangreichen, spannenden und vielversprechenden Aufträgen ist unter Umständen verhandelbar. Aufträge unter 100 Normseiten kann ich leider nicht annehmen.

Und last but not least: Für Übersetzungen aus dem Englischen oder Italienischen ins Deutsche berechne ich Ihnen – ta da – nicht mehr als bisher! Mit € 20,00 sind Sie – bei normalem Schwierigkeitsgrad auch weiterhin dabei.

Wie immer gilt: Termine buche ich bei Erhalt der ersten Rate, die zweite ist bei Abgabe fällig. Aufträge übernehme ich nur, wenn ich mich rundum kompetent fühle und natürlich Kapazitäten habe. Andernfalls empfehle ich sehr gern eine Kollegin. Oder auch einen Kollegen. Und bei Rechnungsbeträgen über € 1000,00 berechne ich Ihnen gern 5% Skonto, wenn Sie den Gesamtbetrag im Voraus bezahlen, denn auch in den miesesten Zeiten wäscht eine Hand weiter die andere.

Und so mies sind die ja gar nicht.

Ich habe schliesslich Sie.

Bis demnächst in diesem Theater also. Vergessen Sie Ihre Geschichte nicht.

Das große Finale – out with a bang!

Und dann ist auf einmal alles vorbei, die Lichter werden gedämmt und der Buzz versandet. Aber eine derart vor Leben platzende Kreatur wie das London Film Festival 2022 legt sich nicht einfach so schlafen, ohne ein letztes Mal alles zu geben und ganz groß auf die Pauke zu hauen.

Out with a bang. With a big one.

Zur Closing Gala sind sie noch einmal alle da – von dem genialen Brian Johnson zu Trisha Tuttle, der wir schon jetzt hinterher weinen, von James Bond zu Dave ‚Drax‘ Bautista, der wirklich und wahrhaftig zwei Reihen vor mir saß. (Mann, Kerl, ich bin eine alte Dame. Hätte glatt einen Herzinfarkt bekommen können …)

Was sie uns mitgebracht haben, macht uns endgültig zu Never-Forgetters:

Eine Glitzerzwiebel mit mehr als sieben Häuten – ‚Glass Onion‘. 

Die perfekte Wahl.

Nein, ich werde nicht einmal versuchen, objektiv zu bleiben. Das einzig nicht wundervolle an ‚Glass Onion‘ ist, dass er jetzt vorbei ist, dass es eine Ewigkeit dauert, bis ich ihn wiedersehen kann, und dass es nie, nie, nie mehr so sein wird, wie es gestern war.

So showy, so glitzy, so zwiebelhaft vielschichtig, so clever, so witzig, so wundervoll boshaft, so schwarz, so bunt, so geschliffen, so explosiv, so – was soll ich denn noch sagen?

Ist er so gut wie ‚Knives Out‘?

Falls jemand mich fragt, ist er sogar noch besser, aber vergesst nicht: Ich bin nicht objektiv.

Er war ja kein Film, sondern unser Abschiedslied, mit dem zwölf Tage im Paradies uns hinterherwinkten. 

Das nahezu komplette Ensemble aus grandios begabten Menschen am Ende noch einmal zu sehen, wie sie kicherten, witzelten und flirteten, als wäre ein Freundeskreis aus Studententagen versammelt, war nicht nur eine zärtliche Zugabe, sondern zeigte auf, wozu Leute in der Lage sind, wenn sie an einer derart glücklichen Kooperation teilhaben. ‚Glass Onion‘ ist Spaß, ‚Glass Onion‘ ist Kino, ‚Glass Onion‘ ist Kunst und Quatsch und Leben.

Wenn ihr es noch nicht gesehen habt, freut euch auf etwas, das euch in diesem kalten Winter warmmachen wird.

Ich beneide euch.

Danke, LFF 2022.

Das letzte, was mein Mann gestern Nacht noch zu mir sagte, war: „Ich sehe uns schon. Nächstes Jahr. Beim Programme Reveal.“

Es war das einzige, was es zu sagen gab.

Kurz vor Toresschluss: ‘Pinocchio’ und ‘Till’ – ein betörender Alptraum. Und ein Problem.

Als Kind hatte ich Angst vor ‚Pinocchio‘. Szenen daraus schienen geradewegs meinen Albträumen zu entstammen, und ein gewisses Gefühl von Beklommenheit bleibt mir bis heute. Außerdem war da noch Guillermo del Toros ‚Shape of Water‘, von dem mir weit mehr als nur Beklommenheit bleibt. Der Film ist mir von Herzen zuwider, und umso überraschter war ich von ‚Nightmare Alley‘, in den ich mich sofort verliebte.

Aber trotzdem oder deshalb  – Nightmare bleibt Nightmare …

Ich fand, ich hätte eine ganze Reihe guter Gründe, mich vor del Toros ‚Pinocchio‘ zu fürchten, und ich behielt recht. Er entstammt definitiv meinen Albträumen. Den Albträumen unserer Epoche. Und er ist ein wundervoller Film.

Vielleicht waren die Dialoge und Sprecher nicht sonderlich gut, wie meine Begleiter anmerkten. Wenn ja, dann habe ich davon nichts bemerkt, weil ich visuell überwältigt war. Ich kann nur eine Handvoll Animation Films nennen, die ich so komplett, so atemberaubend und so einzigartig in ihrer Vision fand wie diesen: Das großartige ‚Snow White‘ fällt mir ein, ‚The Hunchback of Notre Dame‘ und ein bisschen weniger augenfällig auch ‚Encanto‘. Keiner von ihnen ähnelt jedoch diesem. Überhaupt keiner ähnelt diesem, er ist ganz und gar er selbst und aus meiner Sicht eine ungewöhnlich angemessene und verblüffend couragierte Interpretation von Collodis Erzählung.

Was del Toro hier in einem Familienfilm aufs Korn nimmt, habe ich nie zuvor in eine Animation Film gesehen (ich bitte anzuerkennen: gebe mir gerade große Mühe, Spoiler zu vermeiden …). Und er trifft ins Schwarze. Es ruft eine Flut von Bildern wach – Bilder, die Albträumen und solchen, die der Realität entstammen, und zwischen beiden gibt es keinen Unterschied. Als der Film zu Ende war, war ich sofort entschlossen, ihn meinen Enkeln zu zeigen. Weil er so schön ist, weil er solchen Spaß macht und weil es das ist, was wir zusammen zu tun lieben: Verträumte Nachmittage vor traumhaften Filmen zu verbringen. Ebenso aber weil er ihnen auf verkraftbare Weise einen Alptraum zeigen wird, den wir alle auch weiterhin haben müssen. Weil er gerade wieder Realität werden will. Und weil er nichts lieber möchte, als dass wir ihn vergessen. 

Guillermo del Toro, der diesen Film seinen Eltern widmet, vergisst nicht, und auch dafür bedanke ich mich. Nach ein paar Anlaufschwierigkeiten scheint er doch noch ganz und gar ‚mein‘ Regisseur zu werden. Ein bisschen wie die Songs in seinem Film. Von jedem einzelnen dachte ich anfangs: Ach nein, das ist nichts für mich … nur um ein paar Takte später zu beginnen, mich wie Pinocchio zu wiegen. Und unhörbar zu summen.

Gleich anschließend sahen wir ‚Till‘ der amerikanischen-nigerianischen Regisseurin Chinonye Chukwu, und meinen Kommentar dazu halte ich kurz:

Der Film und ich kamen nicht zusammen, und ich fühle mich deswegen schlecht. Es scheint mir nicht richtig, als weiße, privilegierte alte Frau ein Urteil darüber abzugeben, wie eine junge schwarze Regisseurin einen Film über diese Ereignisse machen sollte. 

Ich war von den – aus meiner Sicht – komplett ‚weißen‘, Hollywood-haften and leicht trivialen Mitteln, derer der Film sich bedient, enttäuscht (ganz besonders von der sentimentalen Musik, die ich kaum weniger unerträglich fand als ‚Vom Winde verweht‘). Enttäuscht war ich auch von der – aus meiner Sicht – zu linearen, komplett vorhersehbaren Erzählweise, die auf sämtliche emotionale Knöpfe drückte, und wäre es der Fiim eines weißen Regisseurs gewesen, hätte ich ihn als Oscar-Fänger abgetan.

Aber das ist er nun einmal nicht.

Und wie eine schwarze Regisseurin von diesen Ereignissen erzählt, entscheidet sie. Nicht ich und meinesgleichen.

Es ist gut, dass es diesen Film gibt, und wenn er den Oscar bekommt, ist es auch gut und ein wichtiges Zeichen. 

Danielle Deadwyler ist darüber hinaus großartig und verdient, was immer sie bekommt.

Und ich wünsche mir wirklich, ich hätte den Film mögen können. Ich hoffe, unzählige Menschen mögen ihn und finden mich doof.

Lindholms ‘The Good Nurse’ – Ich setze mich als Coach zur Ruhe …

… und zeige künftigen Kunden nur noch Tobias Lindholms neuen Film ‚The Good Nurse‘. Und mir selbst zeige ich ihn zuerst. Eine Geschichte so blitzsauber, so knapp, so messerscharf, so straff und durchdacht erzählen zu können, wünsche ich mir mein Leben lang. Lindholm hat den Zuschauer innerhalb von Minuten an der Angel, stellt augenblicklich Figuren in den Raum, die vor Leben beben (‚Leute‘, würde Hemingway sagen. ‚Nicht Figuren, sondern Leute …‘) und erschafft eine Dringlichkeit, die es unmöglich macht, den Blick auch nur einen Moment lang von der Leinwand abzuwenden. Er betritt jede Szene genau im richtigen – späten – Moment und verlässt sie den einen Sekundenbruchteil früher, als uns behagt, was einfach unwiderstehlich anzusehen ist. Habe ich vor ein paar Tagen vollmundig behauptet, ich würde mich um den perfekten Film nicht scheren? Dann nehme ich alles zurück, denn dieser ist der perfekteste Film unserer Festival-Auswahl und er ist durch und durch ein Fest. Natürlich hilft es, in Jessica Chastain und Eddie Redmayne ein Paar perfekter Schauspieler zur Verfügung zu haben und ihnen mit Nnamdi Asomugha einen Gegenspieler liefern zu können, der ihnen gewachsen ist. Aber es braucht eben einen Regisseur wie Tobias Lindholm, um aus diesen Schauspielern herauszuholen, was sie zu bieten haben.

Nein, keinen Regisseur „wie‘.

Da ist keiner „wie“.

Chapeau, Mr. Lindholm – und bis hoffentlich bald.

Anschließend sahen wir noch ‚Medusa Deluxe‘ des umwerfend sympathischen jungen Regisseurs Thomas Hardiman. Dass das nicht mein Film war, mag partiell daran liegen, dass ich zum Friseur ungefähr so gerne gehe wie zum Zahnarzt und dass ich Mühe hatte, mich zu entscheiden: Ist es eine Komödie, die nicht lustig ist, oder ein Thriller, der nicht spannend ist? Auch der one-take-shot kam mir ein bisschen vor, als hätte Thomas Hardiman sich gefragt: Welche Geschichte passt denn zu meinem Trick, nicht welcher Trick passt zu meiner Geschichte? Aber das macht alles gar nichts. Es ist ein Vergnügen, einen jungen Filmemacher zu erleben, der experimentiert, mit seinen Mitteln spielt und sich voller Selbstbewusstsein etwas traut. Was diesmal für mich nicht funktioniert hat, mag mich das nächste Mal eiskalt erwischen. Ich freu mich darauf und bin gespannt.

The three are back! Bruges liegt diesmal in Irland, und eine Überraschung folgt zum Dessert

Die drei sind wieder da!

Und der Jubel, der ausbrach, als sie dreieinigst auf die Bühne stampften, sagt alles.

Wer wie ich der Ansicht ist, dass ‚In Bruges‘ einer der unglaublichsten, verblüffend wundervollsten Filme ist, die je gedreht worden sind, der hat Grund zur Freude: Hier haben wir ohne Wenn und Aber ‚In Bruges 2‘ – mit einem einzigen Unterschied: ‚In Bruges‘ weckt in mir den verzweifelten Wunsch, jetzt sofort nach Bruges zu fahren. Der neue hingegen, ‚Banshees of Inisherin‘, erfüllt mich mit tiefer Dankbarkeit, nicht in Inisherin zu sein … 

Aber das war’s dann auch schon.

Wie man es schafft, Einsamkeit auf die Leinwand zu stellen, ohne sie im Mindesten weichzuspülen, zu beschönigen oder auch nur abzumildern, dem zum Trotz ein komplettes vollgestopftes Kino (die Royal Festival Hall, to be precise …) in röhrendes Gelächter zu versetzen, und obendrein noch ein Dingens von derart makelloser Schönes zu kreieren, werde ich nie verstehen. Und das muss ich ja auch nicht. Ich kann bar jeder Verpflichtung darin schwelgen. Und dann losziehen und auf der Stelle ‚In Bruges‘ sehen wollen. 

Vorzugsweise in Bruges.

Colin Farrell, Brendan Gleeson und Martin McDonagh auf einem weiteren schrulligen, verrückten, tiefsinnigen, pechschwarzen, fantasievollen, weisen und wundervollen Höhepunkt, und nur ein Wunsch bleibt übrig: Bitte lasst uns nicht zu lange auf den nächsten warten!

Wie wäre es beispielsweise mit ‚In Dar es Salaam‘?

‚Die viel zu vielen Säulen von Athen‘?

‚Zwei Männer und ein Regisseur in Honolulu‘?

Your choice! Wo immer es euch hinverschlägt – ich bin an Bord.

Und dann noch der Palm d’Or Sieger – ‘Triangle of Sadness’

Ich war überzeugt, ich würde in dieser Komödie nicht lachen können, sondern einzig die begabte, erst zweiunddreißig Jahre alte Charlbi Dean anstarren, die nicht mehr hier ist, um ihren Film willkommen zu heißen. Tatsächlich konnte ich aber mit dem Lachen nicht aufhören. ‚Triangle of Sadness‘ (was für ein genialer Titel!) war nicht im Mindesten vorhersehbar und ganz und gar nicht das, was ich erwartet hatte. Fraglos fehlten ihm die Tiefe und Dimension, die man mit einem Sieger von Venedig assoziiert, aber mich hat’s nicht gekratzt. Nach der Schwere (no pun intended) von „The Whale“ und „The Son“ war mir das leichtfüßig Hergehüpfte mehr als recht. Ich habe mich köstlich unterhalten, fand Ruben Östlunds Film prachtvoll schwarzhumorig, gleichzeitig clever und dämlich, herrlich anzuschauen, mit sicherer Hand geschrieben und rundum ein tolles Kinoerlebnis. Wie so vielen Filmen in diesem Jahr hätte auch diesem ein bisschen Straffung gutgetan, und der letzte Akt ist dann nicht mehr so spritzig wie der Rest. Aber dieser Rest hat mir viel Spaß gemacht, und ich kann ihn für die dunkle Jahreszeit nur empfehlen.

Lotti Lyne und Sam Mendes träumen vom ‘Empire of Light’

Muss ich hier jetzt hier was Vernünftiges schreiben? 

Echt?

Lieber schreib‘ ich, was ich zu meinem Mann gesagt habe, als wir aus dem Kino kamen: Wenn man als junger Mensch verzweifelt Filmemacher werden will, einem aber das Talent fehlt – warum kommt man eigentlich nicht auf die Idee, stattdessen ein kleines Kino zu eröffnen?

Wir gingen sehr eng und sehr sentimental nach Hause und dachten: 

Hätten wir das gemacht, wären wir jetzt bankrott, aber wow, was hätten wir die Köpfe voller Bilder.

Anyway. Ich versuch‘ mich noch an was Vernünftigem:

Gestern Abend, auf der glamourösen Amex Gala, als Sam Mendes anfing zu erklären, worum es in seinem Film ging, wurde mir mulmig zumute, denn in Filmen, bei denen erklärt werden muss, worum es in ihnen geht, geht es so gut wie nie um etwas, das ich sehen will. Mich interessiert nicht, ob einer die Geschichte seines eigenen Lieblings-Haustiers verfilmt hat, sondern einzig und allein, ob mich das Haustier auf der Leinwand berührt.

Und dann war da ja noch der große ‚1917‘, der eigentlich mein Film des Jahres hätte werden müssen: Mein Thema, mein Genre, mein Lieblingskameramann … ich habe nie richtig verstanden, warum ich ihn dermaßen gimmicky und gewollt fand, warum er mich so kalt ließ.

‚Empire of Light‘ war wieder mein Thema, mein Genre, mein Lieblingskameramann (Unser aller Lieblingskameramann, oder? Roger Deakins? Der Beste, den wir haben) – und auf einmal war ich mir sicher, ich würde ihn grauslig finden.

Aber ich lieb‘ ihn. Ganz wirklich.

Er hat etliche Schwächen: Viel zu viele Themen in einen einzigen kleinen Film gequetscht, viel zu viel Gedichte-Leserei (wer möchte denn auf der Leinwand Gedichte vorgelesen bekommen? Die Leinwand ist gemacht, um den Augenblick zu feiern, nicht um versuchsweise Ewigkeit zu schaffen), und ein Schlussakt, bei dem nichts mehr hilft als ein kompletter Schnitt (Olivia Colemans leuchtende Augen und ihr ‚Show me a film!‘, das ist das einzige Ende, das taugt. Der Rest in die Tonne bitte). Er müsste unbedingt scheitern, aber bei mir traf er ins Schwarze. ‚Empire of Light‘ zeigt mir einmal mehr, wie viel lieber mir ein Werk ist, das Schwächen und Fehler aufweist, aber authentisch, mutig, originell und zärtlich ist, als ein perfekt poliertes wie ‚1917‘, das in der Welt zu sein schien, um einen Oscar zu gewinnen (den es verblüffenderweise nicht gewann) und aus keinem anderen Grund.

Ich kann endlich eingestehen, dass ich Sam Mendes‘ großen Film nicht mochte. Aber ich liebe seinen kleinen. Ich fand ihn liebevoll, nostalgisch, warm und aufrichtig. Roger Deakins‘ Bilder sind schmerzlich schön, der Mensch wird einfach nur besser und besser, und für das Ensemble gibt’s gar keine Worte. Die sind ein Genuss, Aufnahme für Aufnahme. Herausragend für mich: Tom Brooke und natürlich our one and only Olivia Coleman.

Ich hatte einen wundervollen Abend. Einen Kinoabend, wie ich ihn mein Leben lang liebe, voller Popcornduft, Plüsch und Musik, voller Träume und Tränen.

Und wenn ich noch einmal jung wäre, würde ich einen Kredit aufnehmen, ein kleines Kino eröffnen und eines Tages bankrott da sitzen, wenn die Lichter ausgehen. In meinem eigenen Empire of Light.