Und wie an allen trüben Tagen (trotz glorreichen Wetters) …

 

… dies hier zur Ermutigung, für Hatti, für Ararat, für mich und für alle, die’s heute nötig haben:

„Der Salamander ahnt nichts von den schwarzen und gelben Sprenkeln auf seinem Rücken. Es fällt ihm nicht ein, dass diese Flecken zwei Kettchen bilden oder dann zu einem dichten Streifen verschmelzen, je nachdem, wie feucht der Sand, wie lebensfroh oder traurig die Auskleidung des Terrariums ist.

Doch der denkende Salamander, der Mensch, errät das Wetter des morgigen Tages – wenn er nur selber seine Färbung bestimmen könnte.“

Ossip Mandelstam, die Reise nach Armenien

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Und weil …

… es uns heute so gut geht, der Carmen, Ararat und mir, und weil der Tag voller Licht ist, noch rasch eine Freude für alle, die hier vorbeikommen, ein Geschenk von Ossip Mandelstam, aus ‚Die Reise nach Armenien‘:

„Mein Buch spricht davon, dass das Auge ein Instrument des Denkens ist, dass das Licht eine Kraft und dass das Ornament Gedanke ist.“

Seid ihr wieder da?

Wer sich nie selbst verliert, kann der sich wiederfinden?

Ich habe mich nicht sattgesehen. Ich habe mich hungrig geliebt.

Wenn man entjungfert wird, reißt etwas. Wächst es wieder zu? Wächst eine neue Haut im Innern, während die alte, die die Misere verhüllt, immer durchgepflügter und weniger appetitlich wird?

Du hast mich entjungfert, Yerevan.

Es hat geblutet, und die Blutung ist nicht still. Etwas in mir ist gerissen. Du hast mir wehgetan, Yerevan, da wo die altersschwache Haut noch Nerven hat, die sich verletzen lassen. Wo sie noch Angst hat. Wo sie sich, wenn einer zupackt, noch fühlt wie roh und jung und neu.

Zurückgekommen bin ich – was das Schreiben betrifft – in nichts Schönes. Der Roman, den ich vor Hattuša dreist und überschwänglich für meinen stärksten, ehrlichsten, schönsten hielt, bekommt eins von diesen Foto-Covers für zwangshistorisierte Trivialromane aufgedrückt.

Habe ich so einen geschrieben?

Ich fühl mich auf höhnische Weise auf den Teppich gebracht. Wer war eigentlich das aufgeplusterte Geflügelweibchen, das sich einbildete, es hätte nach zwanzig Jahren Arbeit und Passion zum Thema Renaissance etwas zu sagen? Wer steckte eigentlich unter der stolzgeschwellten Hühnerbrust, wer war sich fast sicher, er könne von Yerevan etwas mitnehmen, schmelzenden Schnee in gekühlten Händen, ihn behutsam in Seiten schlagen und eine Geschichte erzählen, die Ararat heißt?

Für einen langen Augenblick hat mein Größenwahn mir eingeflüstert, ich hätte eine Spur von Ossip Mandelstams Ararat-Sinn in mir selbst. Ein Echo, das Noahs Berg in den Augen von Menschen lässt, die ihn nach der Sintflut angesehen haben.

Das ist lachhaft.

Ich bin kein Erbe von Petrarca und Mandelstam, ich hab kein Echo von Noahs Berg in den Augen und nach mir die Sintflut. Ich bin ein Huhn mit Schreibklauen, das einen Trivialroman geschrieben hat.

Trotzdem, Yerevan. Tausend Dank. Nach dir kann ich Hengste nehmen, Bullen, Widder, Drachen oder Bernhardinerhunde (mit freundlichem Dank an Henry M.). Nach dir kann ich Yerevan nehmen, und nach dir bin ich zumindest eine Trivialromane schreibende Tussi, die von Biss und Wollust, die sie mal hatte, noch etwas spürt.

Hätt‘ ich ein bisschen mehr von deinem Stolz mitgebracht, Yerevan, ich risse meinem gedemütigten Buch das würdelose Cover herunter und legte es mir nackt zwischen die Schenkel, die vor Erregung zittern und sich noch immer nicht einreden lassen, wie alt sie sind.

Spellbound

Die Carmen macht’s nicht. Sich umdrehen und dem Leser ein Lächeln stiften. Sie macht gar nichts, sagt sie, und ihre Figuren überlässt sie mir auch nicht. Ich soll meine eigenen benutzen oder mir neue suchen, die Welt zwischen Erdoberfläche und Himmelsrand sei voll davon. Die Carmen spinnt. Sie hat kein Herz und kein Nervenkostüm, deshalb ist sie ahnungslos und hat keine Vorstellung vom One-and-only.

Für mich gibt’s keine anderen Figuren. Keine alten und keine neuen. Für mich gibt’s keine anderen Romane. Nur Ararat. Heute erfahren, wie der deutsche Titel von „Spellbound“ heißt und mich amüsiert: „Ich kämpfe um dich.“ Und ob. Heute gelesen bei einer Kollegin: „Ich mag ansehnliche Männer.“ Wer bitte nicht? Ich schon immer und mit knapp vor fünfzig umso mehr. Schulterbreite, Haar schwalbenfarben, Beine wie Galgenstricke und das Grinsen verklemmt im rechten Mundwinkel. So einen schönen wie dich find‘ ich nie wieder. Die Carmen kann mich mal. Ich kämpfe um dich. Wenn wir jedem Risiko zuvorkommen, wird das Leben zum Coitus interruptus und so sexy wie Schweißfüße (wobei ich bei Füßen schon wieder ins Schwitzen komme).

Ich will nichts Handzahmes. Ich will dich. Keinen Chemiebaukasten, sondern einen Roman, bei dem mir das Reagenzglas explodiert.

So geht das besser. Wollen, nicht betteln. Und weil ich noch immer mit dem Rücken zum Leser steh und weder handverwackelte Fotos noch brandaktuelle Berichte zur Lage der abendländischen Kultur zu bieten habe, um von der Nabelschau abzulenken, kam mit heute die Idee, ich könnte mit dem Leser zumindest die aufregenden Schönheiten teilen, die gebratenen Tauben, die mir während des Tages in den Mund fliegen, das was an meinem Leben noch lange nicht fünfzig und unheimlich sexy ist. Worte. Die hier zum Beispiel, von Ossip Mandelstam: „Ringsum reicht den Augen das Salz nicht aus. Man erhascht Formen und Farben – und all dies ist ungesäuertes Brot. So ist Armenien.“

Schönen Abend, ansehnlichste Nacht.

Charlie