Seid ihr wieder da?

Wer sich nie selbst verliert, kann der sich wiederfinden?

Ich habe mich nicht sattgesehen. Ich habe mich hungrig geliebt.

Wenn man entjungfert wird, reißt etwas. Wächst es wieder zu? Wächst eine neue Haut im Innern, während die alte, die die Misere verhüllt, immer durchgepflügter und weniger appetitlich wird?

Du hast mich entjungfert, Yerevan.

Es hat geblutet, und die Blutung ist nicht still. Etwas in mir ist gerissen. Du hast mir wehgetan, Yerevan, da wo die altersschwache Haut noch Nerven hat, die sich verletzen lassen. Wo sie noch Angst hat. Wo sie sich, wenn einer zupackt, noch fühlt wie roh und jung und neu.

Zurückgekommen bin ich – was das Schreiben betrifft – in nichts Schönes. Der Roman, den ich vor Hattuša dreist und überschwänglich für meinen stärksten, ehrlichsten, schönsten hielt, bekommt eins von diesen Foto-Covers für zwangshistorisierte Trivialromane aufgedrückt.

Habe ich so einen geschrieben?

Ich fühl mich auf höhnische Weise auf den Teppich gebracht. Wer war eigentlich das aufgeplusterte Geflügelweibchen, das sich einbildete, es hätte nach zwanzig Jahren Arbeit und Passion zum Thema Renaissance etwas zu sagen? Wer steckte eigentlich unter der stolzgeschwellten Hühnerbrust, wer war sich fast sicher, er könne von Yerevan etwas mitnehmen, schmelzenden Schnee in gekühlten Händen, ihn behutsam in Seiten schlagen und eine Geschichte erzählen, die Ararat heißt?

Für einen langen Augenblick hat mein Größenwahn mir eingeflüstert, ich hätte eine Spur von Ossip Mandelstams Ararat-Sinn in mir selbst. Ein Echo, das Noahs Berg in den Augen von Menschen lässt, die ihn nach der Sintflut angesehen haben.

Das ist lachhaft.

Ich bin kein Erbe von Petrarca und Mandelstam, ich hab kein Echo von Noahs Berg in den Augen und nach mir die Sintflut. Ich bin ein Huhn mit Schreibklauen, das einen Trivialroman geschrieben hat.

Trotzdem, Yerevan. Tausend Dank. Nach dir kann ich Hengste nehmen, Bullen, Widder, Drachen oder Bernhardinerhunde (mit freundlichem Dank an Henry M.). Nach dir kann ich Yerevan nehmen, und nach dir bin ich zumindest eine Trivialromane schreibende Tussi, die von Biss und Wollust, die sie mal hatte, noch etwas spürt.

Hätt‘ ich ein bisschen mehr von deinem Stolz mitgebracht, Yerevan, ich risse meinem gedemütigten Buch das würdelose Cover herunter und legte es mir nackt zwischen die Schenkel, die vor Erregung zittern und sich noch immer nicht einreden lassen, wie alt sie sind.

7 thoughts on “Seid ihr wieder da?

    • Mein neues Henry-Buch, das im Herbst erscheint. So besonders ernst sollte man das vermutlich nicht nehmen, sondern lieber dankbar sein, dass es einen nicht frueher erwischt hat. Aber ein bisschen mit Schlagseite stolpere ich seither trotzdem durch die Gegend.

      • Oh nein , ausgerechnet der Henry … wer denkt sich denn so was aus Blödes aus … ich werde es trotzdem lesen , auch wenn ich solche Cover hasse …

  1. Ja, die Idee, Henry muesse sich eigentlich aus dem Grabe erheben und grausig raechen, hatten mein Mann und ich auch schon. Aber andererseits – Henry hat “The Tudors” ueberlebt (oder besser ueberstorben), da wird den mein Kitschcover kaum kratzen.

    • Ich sag immer Covers, aber vielleicht ist der Plural ja eingedeutscht?

      Mich schrecken kitschige Covers auch ab!
      Sehr. Ich hab mir auch schon von Buechern den Schutzumschlag abgemacht. Und auch schon mal eins beklebt …
      Zum Glueck haben die allermeisten Buecher, die ich gern lese, schlichte Covers.

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