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Wenlock

Da ich im Moment nach einem Facebook-Rausch einen Facebook-Kater habe, krauche ich reumütig in meine Höhle zurück und hoffe, hier will mich noch einer. Ein bisschen zeige ich mir selbst die kalte Schulter und ätze „hab ich dir doch gleich gesagt“, aber damit kann ich leben. Ich kenn mich ja. So heiß, wie ich koche, ess ich gar nichts. Ganz richtig zum Freuen ist mir nicht, dazu ist zu sehr Zweitausendundvierzehn und ich bin zu erschöpft. Außerdem mache ich gerade höchst eigenartige Erfahrungen, für die ich Kollegen – ich geb’s wenigstens freiwillig zu – mal unter gefurchten Brauen beäugt habe. Sodass mich die Tatsache, dass ich derzeit nicht so richtig weiß, was ich für die zwei Geschichten, die sich mir ins Herz gefressen haben (ja, ja, ich weiß …), noch tun kann, gelinde in Richtung Wahnsinn treibt. Mir fehlt mein Berg. Dass ich nicht weiß, wie er im Sommer aussieht, ist so falsch.

Aber unerwähnt bleiben soll das hier auf gar keinen Fall, denn es reißt uns an den Schultern hoch und wirft uns wieder in die Laufbahn, und es ist Menschen zu verdanken, die uns ihre Zeit, ihr Geld, ihre Aufmerksamkeit schenken. DANKE! „Als wir unsterblich waren“ und ich (und Wenlock) stehen auf Platz 22 der Bestsellerliste und weinen darüber auch in dieser Woche. Weil das schön ist, einen Erfolg erleben zu dürfen, ohne ein Sieger sein und wie einer gehen zu müssen. 

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Angst vorm Erfolg

Ein Geständnis:

Als ich sehr jung war – genauer gesagt knapp über dreißig – habe ich schon einmal einen Roman an einen Verlag verkauft. Das war alles sehr schön. Der Verlag passte zum Text, und die Leute, die mich betreuten, waren alle wohlwollend und gewillt, mich aufzubauen und mir Leine zu lassen, wie ich das hinterher nur noch ein einziges Mal (nämlich jetzt!) erlebt habe. Trotzdem fing ich in der Lektoratsphase ein unsägliches Gezerre um – aus heutiger Sicht – kaum relevante Punkte an, die sich bald verselbstständigten und nicht mehr auszuräumen waren. Am Ende blieb uns nur, den Vertrag in beiderseitigem Einvernehmen aufzulösen, was mich mit einer seltsamen Erleichterung erfüllte. Der Freund und Kollege, der meine Schreibversuche von Anfang an begleitet und mir auf dem Weg zum Verlagsvertrag sehr geholfen hatte, war hingegen enttäuscht.

„Weißt du, was mit dir nicht stimmt?“, hat er mich gefragt. „Du hast Angst vorm Erfolg.“

Damals fand ich das hanebüchen. Heute glaube ich, zu wissen, was er meinte.

In den Jahren nach meiner ersten Veröffentlichung im Publikumsverlag habe ich Erfolg verzweifelt herbeigesehnt. Erfolg, das hätte bedeutet: endlich eine Möglichkeit, die unzähligen Stunden Schreiben einigermaßen finanzieren zu können, endlich mehr als viereinhalb Stunden schlafen, endlich einen Urlaubstag ohne Laptop verbringen, endlich ein Monat, von dem nichts mehr übrig ist, wenn das Konto leer ist. Vor allem hätte es bedeutet: Zufriedene Verleger, zufriedene Agentur. Und noch wichtiger – Menschen, die das Buch mögen. A job well done.

Ziemlich bald wurde aus dem Wunsch nach Erfolg die Angst vorm nächsten Misserfolg, wohl wissend, dass jeder davon mich näher ans Aus drückte. Und noch immer nicht wissend, wie man das macht: Leben ohne Schreiben. Aus dem Stoßgebet vor jeder Neuerscheinung – Möge es ein Erfolg werden – wurde: Möge es bitte nicht ganz so fulminant flopen. Daran, dass ich das Buch noch irgendwann schreiben könnte, das da draußen, wo es hinsollte, tatsächlich landet, habe ich nicht mehr geglaubt.

Und jetzt ist es da.

Ein paar Tage lang war das die ganz große Freiheit: Erfolg. Das haben wir jetzt gehabt. Das können wir abhaken und zum nächsten Thema übergehen. Dein erfolgreiches Buch hast du geschrieben, von jetzt an kannst du Schneid beweisen und schreiben, was du willst.

Aber so einfach funktioniert es nicht. Denn jetzt weiß ich, was das ist und worin sie sich begründet, die Angst vorm Erfolg.

Erfolg macht süchtig. Nicht der finanzielle Unterschied, denn ob der sich überhaupt auswirkt, weiß ich noch gar nicht. Aber das Gefühl, ein Buch geschrieben zu haben, das die, die es lesen, mögen. Etwas ausgeschickt zu haben, was angekommen ist. Was mit der Welt Kontakt aufnimmt und mein kleines Zeichen darin lässt, wenn auch nur für einen Augenblick.

Im ersten Rausch dachte ich: Jetzt schreib ich endlich eines nur für mich. Aber nur für mich geht nicht mehr. Das ist, als säße man allein an seinem Feuer und erzählte seine Geschichte den Nachtgeschöpfen, die auf Menschenstimmen gar nicht lauschen. Ich kann mit dem Gedanken nicht umgehen, danach wieder eines zu schreiben, das Kommentare erntet wie „hast dir ja wacker Mühe gegeben, aber …“, „das Buch ist sicher nicht schlecht, nur war’s mir zu anstrengend“ oder gar: „mir hat das keine Freude gemacht.“ Die ganz große Freiheit ist der ganz große Druck: Ich bin jetzt einer, auf dem Erwartung liegt, die er enttäuschen könnte. Nicht nur meine. Auch die von anderen. Das ist ziemlich atemberaubend. Es flößt meinen Fingern, die schreiben wollen, Furcht ein und verlangsamt ihren Lauf.

Und falls jetzt einer glaubt, ich habe diesen langen Salm geschrieben, um meinen Nabel gründlich zu besonnen, hat der vielleicht mehr recht, als mir lieb ist – aber nicht ganz. Mir ist das alles heute beim Laufen durch den Kopf gegangen, weil mir einfiel, dass ich (wie aufregend!) zum ersten Mal einen Roman schreibe, der von zwei Kunstschaffenden (das sind im weitesten Sinne schließlich auch wir Autoren von Unterhaltungsromanen) handelt. Von einem, der gewaltigen Erfolg hat, nach dem er nie gestrebt hat und für den er nicht gemacht ist, und von einer, die voller Ehrgeiz steckt und der jede Chance auf Erfolg zerschlagen wird. Vor allem aber fiel mir dabei ein, dass ich das überhaupt noch nicht thematisiert habe.

Vielleicht weil ich keine Erfahrung hatte – mit Erfolg?

Anyway. Ich gehe zurück ans Reißbrett. Und freu mich daran, dass mein Roman Ararat mir so nah ist. Auch wenn nicht mal der, den ich ganz allein mache, einer „nur für mich“ sein kann.

Und hätten der Liebe nicht …

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Die dunkle Rose der Sorte „Uncle Walter“, das Symbol der sinnlichen Liebe, kommt mit herzlichem Dank an die Leser, die „Als wir unsterblich waren“ so überaus freundlich aufnehmen. Über die Eindrücke und Rezensionen, die inzwischen im Netz auftauchen, freue ich mich bis dorthinaus. Wie schon mehrfach gesagt und noch viel öfter gedacht: Ein Buch geschrieben zu haben, das Leser mögen, ist so überwältigend, dass ich immer wieder stillhalten und diesem Gefühl zuhören muss. Vielen Dank!

Mit einer Spur Bedauern (manche Leute sind halt nie zufrieden …) stelle ich jedoch fest, dass die Liebesgeschichte weniger gut ankommt als der Rest – wie leider bei all meinen Büchern. Über eines schrieb mir sogar einmal Rezensent, der dies als Kompliment meinte: „Das ist eigentlich gar keine Liebesgeschichte.“

Für mich ist das kein Kompliment. Ich möchte über den Tod schreiben, und ich möchte über die Liebe schreiben, das eine ohne das andere funktioniert für mich nicht. Gilgameschs Ringen um Unsterblichkeit ist leer und überheblich, bis er begreift, dass er Enkidu liebt. Wie die Angst vor dem Tod sich anfühlt, weiß sein Körper nicht, bis er den sterbenden Enkidu in den Armen hält und gegen den Himmel anbrüllt, weil er ihn liebt.

Ich möchte keine Liebesgeschichten schreiben, von denen Leser finden, sie seien gar keine. Und wo ich (ach nee, die Carmen) jetzt kurz davor stehe, mein Lieblings-Liebespaar aufzufahren, die beiden schönsten, zärtlichsten, zauberhaftesten, die ich (andC = ach nee die Carmen) zu bieten habe, und in die ich (nndC = nee, nicht die Carmen) selbst so verliebt bin, dass ich (nndC) sie über einen zweiten Roman führen will, wird mir (nndC) ein bisschen bange. Was mach‘ ich denn, wenn die zwei, die mich (nndC) völlig um ihre Finger gewickelt haben und  seit Monaten in den Wahnsinn treiben, es auch nicht schaffen, euch vom Hocker zu reißen?

Für die Hattuša ist der Zug abgefahren, die kommt morgen aus dem Lektorat. Aber für Ararat möchte ich (nndC) gern gierig alles mitnehmen, was ich an Hilfe von Lesern und Kollegen bekommen kann. Deshalb würde ich mich sehr über jeden freuen, der mir erzählt, was für ihn eine Liebesgeschichte ausmacht und warum sie ihn berührt. Von Kollegen wüsste ich gern, was sie ihren Liebesgeschichten geben, damit sie berühren. Und von euch allen wüsste ich gern: Welches sind eure Lieblings-Liebespaare in der Literatur? Meine verrate ich natürlich auch. Neben Gilgamesch und Enkidu sind es Dshamilja und Danijar aus Tschingis Aitmatows „Dshamilja“.

Ich (uadC = und auch die Carmen) sind gespannt!

Mein schönster Erfolg

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Ich muss ja zugeben: die Mitglieder meiner weitverzweigten Familie und meines Freundeskreises sind zwar alle rührend, eifrig und manchmal geringfügig peinlich darum bemüht, meine Bücher zu bewerben (sollten Sie hier als Buchhändler lesen, die von Unbekannten bedroht worden ist, weil Sie das Buch der Schwester /Cousine / Nichte/ Tochter/ Schwägerin /Tante nicht vorrätig hatten, bitte ich vielmals um Entschuldigung) – aber gelesen wird bei uns eher anderes. Auch die Frage: „Wann schreibst’n du mal ein richtiges Buch?“ habe ich schon gehört.

Für mich ist das in Ordnung. Ich bin Vegetarier. Wäre einer meiner Brüder Metzger, würde ich trotzdem nicht zu seinem Kunden mutieren, und der Lesegeschmack meiner Freunde und Verwandten ist im Großen und Ganzen auch meiner. Dass ich mir insgeheim gewünscht habe, es könnte doch mal einer usw., war mir gar nicht bewusst.

Jetzt hat meine Tochter – eine Philosophin (falls jemandem allmählich der Verdacht kommt, dies sei einer dieser Ich-protz-mit-meinen-Kindern-Blogs, widerspreche ich nicht), die ganz und gar anderes liest – vorgestern den Enkel abgeholt und dabei „Als wir unsterblich waren“ mitgenommen, weil das hier rumlag. Mit den Worten „Ist das der Bestseller? Den will ich mal sehen“, hat sie’s eingesteckt, und damit war für mich die Sache erledigt.

Bis ich gestern Abend DIESE SMS bekam: „Mum, I’m on the bus reading your book, I’m on chapter two and I’m hooked!“

Mir hat’s die Kehle geschnürt.

Das Gefühl ist unglaublich. She’s reading MY BOOK.

„Als wir unsterblich waren“ ist nicht nur „der Bestseller“. Es ist mein persönliches Weltwunder, das lauter unmögliche Dinge möglich macht.

Für die Teilnehmer meiner Leserunde …

… auf www.buechereule.de:

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Wie versprochen kommt hier der Bildband, den Oliver und Alexandra sich in Momis Wohnung anschauen. Das Bild, das vor dem Stadtschloss aufgenommen wurde, ist enthalten. Ich habe das Buch von einem Freund, der die Entstehung von „Als wir unsterblich waren“ begleitet hat, geschenkt bekommen und so oft als Zeitmaschine benutzt, dass ich fand, es müsse in den Roman.

Wer die Welt, die ich versucht habe, mit Worten zu fangen, gern einmal sehen möchte, dem empfehle ich diesen Bildband.

Und bei der Gelegenheit bedanke ich mich sehr herzlich für die lebhafte, inspirierende, vielfältige Diskussion, die ich nicht erwartet habe. Etwas Schöneres als derart engagiertes Interesse von Lesern kann mir und dem Buch gar nicht passieren. Und Ararat schon gar nicht.

 

Statt meiner Dankesrede als Tennisstar …

Ob das die schönste Woche in meinem Leben ist, hat mich gestern jemand gefragt. Nein, die ist es natürlich nicht, denn ich habe ja einen Mann geheiratet, Kinder geboren und einen Enkel geschenkt bekommen. Und war in Yerevan. Aber davon abgesehen – ja. Das hier ist die schönste Woche in meinem Leben als Geschichtenerzähler, und das verdanke ich denen, um die’s geht. Den Leuten, die mein Buch lesen und mir davon erzählen. Dass Leute es kaufen, ist wundervoll. Dass es sich eventuell (!) finanziell rentieren könnte, ist eine phantastische Vorstellung, wir sind ein großer Haufen, der ständig aus dem letzten Loch pfeift, und Geld bedeutet Zeit (und Yerevan). Aber dass Leute es LESEN, ist das schönste. Dass sie sich bei mir melden, mit mir flirten, mir erzählen, wie es ihnen mit dem Buch ergangen ist – das ist unübertrefflich und borgt uns, Ararat und mir, ein Paar Flügel. Und weil das so schön ist und wir dafür so dankbar sind, haben Ararat und ich beschlossen: Jedes Mal, wenn wir zwei uns einen traumhaften Tag im Museum stehlen, bringen wir von jetzt an euch etwas mit. Ein Stück Vergangenheit, das wir lieben, und ein Stück Text, das dazu passt und das wir auch lieben. In der Hoffnung, dass sich der eine oder andere daran freut. Und da wir gestern einen unserer Museums-Traumtage hatten, geht es heute – gleich – los …

How to handle a novel

Dies hier hat mir gestern eine angehende Kollegin unter einen Beitrag geschrieben – das ist so schön, das muss ich mir stehlen dürfen:

“Aber gleichzeitig, und das ist viel wichtiger, habe ich hier durch deine Leidenschaft für deine Geschichten gerade enorm viel Motivation gewonnen, mich trotz allem durch die letzten Schreibhürden zu kämpfen – weil er es verdient hat, und weil ich ihn liebe, auch wenn ich manchmal so unzufrieden bin mit dem, was mein Geschreibsel aus der Geschichte macht. Aber ohne mich gäbe es sie gar nicht, genauso wie es ohne dich keine Hatti und keinen Ararat gäbe. (…) Und ich geh jetzt mal sofort zu meinem kleinen, ungeschliffenen, verdreckten und trüben Rohdiamanten zurück und versuche, so viel davon zum Funkeln zu bringen, wie es mir nur möglich ist.”

Das gehört bar jeden Zweifels in die Kategorie: Auf welcher Leitung sitzt eigentlich mein schönster Körperteil, dass mein Kopp auf sowas nicht kommt?

Ich habe mir in all den Jahren so viel Verzweiflung, so viel Resignation, so viel Hilflosigkeit über „was macht mein blödes Geschreibsel aus der grandiosen Geschichte?“ geleistet, dass ich das darüber vergessen habe: Ich mag ja der sein, der ihr da und dort eine Ecke abbricht, ihr Risse beibringt und sie in den falschen Kasten ordnet, aber ich bin ihr Archäologe, ich habe sie aus der Erde gescharrt. So wie Hugo Winckler die Tafeln von Hattuša. Ohne mich würde sie zu der vielfach größeren Zahl der Tafeln gehören, die nie einer ausgräbt, die verborgen bleiben.

In den letzten Wochen, als ich in meinem Sumpf aus Kitsch-Cover, verzögerten Vertragsabschlüssen, Misserfolgen, Angst um Hatti, und vor allem einem Text, den ich nicht schreiben wollte, versank, hatte ich des Öfteren den Wunsch, Hatti und Ararat zu verschenken. An einen, der’s besser macht. Einen, der die zwei nicht mit Matsch beschmiert, bis sie selbst vor Kollegen unsichtbar werden, sondern der sie strahlend poliert. Einen, der sie nicht in den Sand setzt.

Aber genau da gehören sie doch hin, oder? In den Sand. In meinen Sand. Ich glaube, „Als wir unsterblich waren“ bringt mir das gerade bei: Es ist ein ganz und gar unglaubliches Gefühl, ein Buch geschrieben zu haben, über das sich lauter wildfremde Leute freuen. Und zu wissen: Ja, das ist mein Buch. Gerade mit seinen Schwächen, über die ich mir diesmal nicht die Haare ausreiße, sondern grinse. Es ist das Buch, das nur ich hätte schreiben können, weil ich diesem wie Hatti und Ararat etwas zu geben habe, das der, der bessere Bücher schreibt, für die drei nicht hat:

Ich bin ja staatlich geprüfter Musical-Hasser, aber das borg‘ ich mir trotzdem aus „Camelot“:

“The way to handle a novel
Is to love him…simply love him…
Merely love him …love him …love him.”

Dem “trüben Rohdiamanten“ der Kollegin wünsche ich alles Gute auf dem Weg!