Ich bin alles andere als sicher, ob ich überhaupt versuchen sollte, so etwas wie eine ‚Besprechung‘ über Florian Zellers ‚The Son‘ zu schreiben, ob das auch nur ansatzweise möglich ist, ohne über mich selbst auszusabbeln, was in solche Besprechung nicht gehört (ja, ich weiß, das mache ich immer, aber hier geht’s nicht um meine Ohnmachtsanfälle in Fellini-Filmen und auch nicht um den Inhalt von Nähkästchen, was immer das sein soll). Darf es für diesmal bitte genügen, zu erklären, dass es der bisher beste Film des Festivals für uns war? Dass wir anschließend auf keine Party mehr gekonnt hätten, sondern direkt nach Hause mussten, um miteinander still zu sein? Dass Florian Zeller sein Meisterwerk ‚The Father‘ hier noch um Längen übertrifft? Dass Hugh Jackman, Laura Dern und Vanessa Kirby sich die Seelen aus den Leibern spielen, dass Anthony Hopkins‘ Cameo hassenswert genial ist und dass der junge Zen McGrath sie alle in den Schatten stellt?
Genügt nicht?
Also schön. Dann hab ich noch eines:
Ich bin keiner, der ‚Messages‘ in Filmen in hohen Ehren hält. Wenn ein Film wie ein Zeuge Jehovas daherkommt und mir einen Wachturm schenken will, hat er schon verloren, und Florian Zeller tut alles andere als das. Nicht trotzdem, sondern deshalb wünschte ich, dass seinen Film alle Eltern sehen. Alle, alle Eltern. Dass wir uns erinnern lassen, wie kostbar und wie zerbrechlich unsere Kinder sind. Dass wir uns künftig eher an Bären und Elefanten orientieren, wenn wir sie aufziehen, als an unseren eigenen Eltern und denen um uns herum, die immer alles wissen. Dass wir uns sehr, sehr lieben. Und dass die Eltern von Gabriel Wege finden, um zu leben, wer und wo immer er sein mag.
Oh my God. Gestern noch habe ich mich höchst arrogant über den grassierenden Promi-Crash der Leute mokiert, und heute falle ich um ein Haar in Ohnmacht, als Kazuo Ishiguro die Bühne betritt (Nein, ich gestehe nicht öffentlich ein, dass ich 1984 tatsächlich in Ohnmacht fiel, als Fellini zur Premiere von ‚E la nave va‘auftauchte. Erstens – ich war sehr jung. Zweitens – hier geht’s nicht um meine In-Ohnmacht-Fallerei). Love that guy. Und dann kam Bill Nighy und stahl mit aus dem Ärmel geschüttelten Charme die Show. Die beste Einführung seit ‚Another Round‘ (und die war aufgrund von Covid-Beschränkungen vorab gefilmt) und ein würdiger Auftakt für einen der Filme, auf die ich mich innerhalb des Festival-Programms am meisten gefreut habe.
War ich enttäuscht?
Aber nicht doch – wie könnte ich?
‚Living‘ ist der Film mit der besten ungeschriebenen Zeile aller Zeiten. Die Zeile lautet ‚I want to be reluctant‘ – ‚Ich will mich sträuben‘, und als ich sie durch die voll besetzte Festival Hall hallen hörte, ohne dass sie auch nur ausgesprochen wurde (that’s my guy Ishiguro …), hat es mir den Atem verschlagen. Das ist im Grunde alles, was wir zu lernen haben: Wenn sie kommen, um mich zu holen – will ich mich sträuben. Und ein solches Juwel präsentiert Oliver Hermanus mit der charmanten Leichtigkeit seines überbordend nostalgischen, herzwärmend schrulligen Films. Natürlich ist er nicht ‚Ikiru‘, der meiner Ansicht nach Kurosawas japanischster Film überhaupt ist. Er musste übertragen und deshalb ein wenig verdünnt werden, und das Ergebnis ist ein poetisches Liebeswerk voll zärtlichem Humor, göttlichen Bildern von London und melodischer, einlullender Musik. (Auch wenn ich zugeben muss, dass es nicht gerade von Courage zeugt, das Remake eines Films von 1952 wiederum in den Fünfzigern spielen zu lassen.)
Ganz zu schweigen von den großartigen Schauspielern: Bill Nighy ist oscarreif, und er und Aimee Lou Wood sind wie gemacht füreinander. Ich werde nie wieder mit meinen Enkeln an einer Krallenmaschine mein Glück versuchen können, ohne – nein, nicht kurz vor der Ohnmacht zu stehen, aber definitiv an Tränen zu schlucken. Alex Sharps berührende Nebenrolle gefiel mir ebenfalls sehr, und im gesamten Ensemble gab es noch etliche höchst glückliche Besetzungen.
Und warum ziehe ich dann einen Stern ab?
Weil ich mich nicht ausgerechnet in einem Film, den Kazuo Ishiguro schrieb, daran erinnern will, dass ich als Script Doctor arbeite. In meinen Script-Doctor-Augen begeht dieser zaubrische Film aber leider einen einzigen bedauernswerten Fehler: Er liefert seine eigene Gebrauchsanweisung. Die letzten zehn Minuten sind nicht nur unnötig, sondern ärgerlich. Wir brauchen keine Erklärung, wie wir den Film zu nehmen haben – er ist ja kein verschreibungspflichtiges Arzneimittel, hat keine gefährlichen Nebenwirkungen (von Ohnmachtsanfällen wegen seines Drehbuchautors abgesehen) und hilft so oder so nicht gegen Covid19. Mein – vermessener – Rat an Oliver Hermanus lautet somit: Vertrauen Sie Ihrem Film. Vertrauen Sie uns. Schneiden Sie das Ende – bis auf das dem Original entsprechende Schlussbild – heraus. ‚Living‘ (und ebenso ‚Ikiru‘) ist ja kein Film über das, was von uns bleibt, sondern über unsere Vergänglichkeit. Der Versuch, ihn bleiben zu lassen, ist somit reichlich kontraproduktiv. Er braucht nicht zu bleiben. Wir brauchen nicht zu bleiben. Alles, was wir tun müssen, wenn sie kommen, um uns zu holen, ist – uns zu sträuben.
Als „verblüffend selbstsichere“ Debüts wurden uns die beiden Filme, die wir für diesen Tag ausgesucht hatten, angekündigt: das Horror-Drama ‚Nanny‘, erstes Full Length Feature der amerikanischen Regisseurin Nikyatu Jusu, und das psychologische Drama ‚Causeway‘ der bisher ausschließlich aus der Theaterarbeit bekannten New Yorkerin Lila Neugebauer.
Beiden Filmen gemeinsam ist, dass sie sich hervorragend ansehen lassen, sich durch Schönheit auszeichnen, Talent verraten und mit grandiosen schauspielerischen Leistungen aufwarten. „Verblüffend selbstsicher“ fanden wir jedoch nur einen von ihnen.
Nikyatu Jusu in ‚Nanny‘ ist hoch anzurechnen, dass sie mit ihrer Geschichte einer senegalesischen Immigrantin in Manhattan Klischees, Kitsch und Schwarzweißmalerei weitgehend vermeidet. Die Verwendung von Motiven des Horrorgenres und mythologischen Elementen rührt an so grandios geglückte Filmwerke wie ‚Get Out‘ und ‚His House‘ und gefiel als Grundgedanke sehr. Leider bleiben diese Elemente jedoch Staffage, sind zu oberflächlich behandelt und erzeugen nicht die erwartete Tiefe. Die partiell schönen, eindringlichen Teile des Films fügen sich nicht zu einem organischen Ganzen, und die Geschichte weist störende Inkonsistenzen und auch bei der Gestaltung der Figuren unglaubwürdige Widersprüche auf. Die umwerfend schöne Anna Diop ist in der Hauptrolle eindrucksvoll und macht manches, aber eben nicht alles wett, und das Ende scheint allzu hastig und undurchdacht angeklebt. Wir gingen wohlwollend, aber nicht ganz befriedigt. Insgesamt ein vielversprechendes, aber kein komplett überzeugendes Debüt.
‚Verblüffend selbstsicher‘ und noch vieles mehr fanden wir hingegen Lila Neugebauer mit ihrem Film über eine hirnverletzte Afghanistan-Soldatin, die darum kämpft, sich im Zivilleben zurechtzufinden Die junge Regisseurin führt ihre beiden Superstars – Jennifer Lawrence und Brian Tyree Henry, die beide spielen, als ginge es ums Leben – mit einer Contenance und sicheren Hand, die es unfasslich scheinen lassen, dass dies ihr erster Film ist. Obwohl ‚Causeway‘ bestechend gut aussieht und dem Auge viel bietet, setzt Neugebauer ihre Mittel durchgehend sparsam und zurückhaltend ein, gibt nur das Nötigste und erreicht damit alles. Sie drängt dem Zuschauer nichts auf, wird nie laut, betätigt keinen emotionalen Schalthebel, sondern lässt uns allein mit ihrer minimalistisch erzählten Geschichte, der ich mich gerade deshalb von Anfang bis Ende nicht entziehen konnte. Hier weiß eine junge Filmemacherin ganz genau, was sie will und wie sie es erreicht. Ein echtes Talent, von dem man den nächsten Film nicht erwarten kann. Bring it on, Lila!
Ich weiss, ich habe das schon ungefähr eine Million mal erzählt. Ich hab’s so oft erzählt, dass ich inzwischen nicht mehr ganz sicher bin, ob es überhaupt wahr ist – but anyway: Als Studentin hat mir mal ein Professor erklärt, dass wir Geschichten brauchen, weil die besten von ihnen jungen Menschen beim Leben helfen – und alten beim Sterben.
Ich hatte so viele von der ersten Sorte, ich muss im Leben inzwischen Weltmeister sein.
Seit geraumer Zeit bin ich allerdings auf der Suche nach der zweiten, die bei Weitem seltener zu sein scheint. Voila. Eureka. Here we go. Es kommt mir nicht nur so vor, als wäre dieser Film bereit, mir zu helfen. Sondern als wäre er bereit, bei mir zu bleiben und mir bis zum Ende die Hand zu halten. (Filme, die Hände halten? Ja, okay, das Festival-Flair ist mir zu Kopf gestiegen, aber wen kratzt’s.) Er macht mir nichts vor, also ist er hart und scharf, präzise und schmerzlich. Aber er ist so unglaublich schön und hat kommt mit so einem schönen Hund daher, dass ich irgendwann denke: Also gut, wenn sich’s nicht vermeiden lässt, nehm’ ich das Ding eben hin. Wenn der Tod ein altes Hotel ist, voller Geister und verschwindender Erinnerungen, wenn der Tod ein freundlicher Hund ist, der durch die Nacht heult, ein knarrendes Fenster und die Stimme meines Kindes in der Ferne, wenn der Tod ein zu kleines Glas Champagner ist und wenn Tilda Swinton ihn spielt – also gut, wenn sich’s nicht vermeiden lässt, nehm ich das Ding eben hin. Aber lass es gefälligst so langsam und sachte und spukhaft daherkommen wie inszeniert von Joanna Hogg. Ich habe zweifellos auch schon eine Million mal erzählt, dass ich Filmregisseur werden wollte, als ich jung war (und daher süchtig nach Filmen über das Filmemachen bin). Ich wollte diejenige sein, die in einem verwunschenen Dachboden am Fenster sitzt und versucht, einen Film über das Unfilmbare zu schreiben, und die unzähligen grossen Filme, die ich seither gesehen habe, haben mir einer nach dem anderen erklärt: Na komm. Sei froh, dass du’s nicht gemacht hast, denn du hättest es nicht gekonnt. Dieser hier schafft noch mehr. Er säuselt: Wenn du es doch nur versucht hättest. Selbst wenn du gescheitert wärst, hättest du jetzt die verbleichende Erinnerung an einen Traum, die bis zum Ende leise für dich singt. Dein eigenes Gespenst.
Das ist ziemlich zauberhaft. Das ist es wirklich.
Okay. Zu den Fakten. Oder zu dem, was ich so Fakten nenne: Ich halte diesen Film für ein Meisterwerk. Er ist zweifellos der perfekteste, gekonnteste, geschliffenste des – ohnehin grossartigen – Souvenir-Terzetts der unverschämt begabten Joanna Hogg. Um dem zu entsprechen, haben wir Tilda Swinton, über die ich kein einziges Wort sagen kann, das ihr gerecht würde. Ihre Doppel-Identität fügt den Schichten und Dimensionen von Hoggs Erzählkunst noch einmal so viele Schichten und Dimensionen hinzu, dass ich von der ersten Szene an wusste, ich werde den Film noch viele Male sehen müssen. (Wobei es natürlich hilft, ein bisschen gesichtsblind zu sein, weil man so allmählich in diesen grandiosen Das-kann-sie-doch-nicht-wirklich-gemacht-haben-Effekt hineinrutscht.) Ich kann nur jedem empfehlen: Seht euch das leise, erstaunliche Spektakel dieser schauspielerischen Leistung an. Es ist eine solche Freude, eine solche Verblüffung, selbst wenn der Film nicht wie bei mir ins Schwarze trifft. Es ist sogar witzig. Mich begeistert jedes Mal aufs Neue, wenn etwas mich zum Heulen bringt, weil es so gut ist. Und noch mehr begeistert mich, wenn etwas mich aus demselben Grund zum Lachen bringt. (Unnötig zu erwähnen, dass Tilda Swinton locker beides geschafft hat.) Es ist ein Film über Erinnerungen, und er hat in meinen – willkommen, bienvenue, welcome – nun seinen Platz. Er ist einer von denen, die mir das Gefühl geben, steinreich zu sein, und er wird einer meiner Festival-Favoriten bleiben. Trotzdem ziehe ich einen halben Stern ab, und zwar für den idiotischen Titel. Der geht gar nicht. Ich finde ihn dermassen schlecht, dermassen mäuschenhaft, dermassen weiblich hach-ich-trau-mich-nicht-einzugestehen-wie-gut-ich-bin, dass ich den Film nicht einmal auf die Liste meiner Festival-Must-Haves gesetzt hätte, hätte mein Sohn, dessen Empfehlungen unfehlbar sind, nicht darauf bestanden. Diesen Film hat keine ewige Tochter gemacht, und er handelt auch nicht von einer. Es ist der Film einer brillanten Filmemacherin über eine brillante Filmemacherin. Joanna and Julie – I love you.
Fragt jemand mich, dann ist Noah Baumbach einer der poetischsten Regisseure, die wir derzeit haben. Ich war verzaubert von ‘The Squid and the Whale’ und ‘Meyerowitz Stories’ und dementsprechend enttäuscht, als ich mich für seine letzte Netflix-Produktion, die hochgelobte ‘Marriage Story’ nicht so richtig erwärmen konnte. Also ging ich in diesen, seinen neuesten Film mit beidem – hohen Erwartungen und leiser Angst – und eigentümlicherweise fand ich beide erfüllt. First things first: Baumbach ist ein wundervoller Regisseur, und was immer ihn dazu getrieben hat, sich dieses Romans, der allgemein als unverfilmbar gilt, anzunehmen, bin ich sicher, dass er bewundernswerte Arbeit geleistet hat. Zum zweiten: Ich weiss noch, wie sehr ich gefürchtet habe, Adam Driver könnte für seine Leistung in ‘Marriage Story’ den Oscar bekommen und damit den unvergleichlichen Joaquin Phoenix’ in ‘Joker’ aus dem Rennen schlagen. Sollte er ihn für diesen Film allerdings bekommen, hat er meinen unpäpstlichen Segen. Was für ein Feuerwerk! Der Kerl brennt, er spielt sich die Seele aus dem Leib und hätte, wäre es nötig gewesen, den ganzen Film tragen können. In diese Pflicht wurde er jedoch nicht genommen, denn in ‘White Noise’ gibt es keinen einzigen mittelmässigen Schauspieler. Filmisch enthält er eine Perle nach der anderen: Die Hitler-Elvis-Combo! Das Zugunglück! Und die absolute Krönung: Der Supermarkt, in dem Baumbach von mir aus gern noch eine weitere Stunde hätte drehen dürfen. Demzufolge wähle ich den in selbigen Supermarkt gesetzten Abspann zu den drittbesten Credits aller Zeiten (die besten und zweitbesten gehören unauslöschlich natürlich Taika Waititi mit “Boy” und “JoJo Rabbit”). Sie machten den Eindruck einer gigantischen Party für Statisten, und ich wünschte, ich wäre einer gewesen.
Ein guter Film, ohne Frage. Er ist schwarz, er ist witzig, er ist clever, er hat Biss, Geheimnis und Esprit. So what’s not to love? Ich habe viel gelacht, mir die Augen besoffen, der Buzz war hinreissend, der Film sprüht vor Einfällen, und die Dialoge liefern einen Cracker nach dem anderen – und trotzdem … als wir schliesslich aufbrachen, kam ich mir ein bisschen wie mit leeren Händen vor. Der Grund dafür scheint einigermassen paradox: Ich ging mit leeren Händen, weil der Film zu voll war. Zu viele Elemente auf zu kleinem Raum, und letzten Endes fügten sie sich nicht zu einem Ganzen, wie ich es mir erhofft hatte. Wirklich beurteilen kann ich es nicht, da ich Don DeLillos Roman nicht gelesen habe, aber ich vermute, es liegt an dem ‘unverfilmbaren’ Buch. Womöglich haben wir es hier mit einem jener Fälle zu tun, in dem ein Regisseur liebevoll und mehr als ehrenhaft zu dicht an seiner Quelle blieb? Zu dicht für mein Empfinden, wohlgemerkt. Der Film mag mich nicht ganz erreicht haben, und die lächelnde Zärtlichkeit, mit der Baumbach sonst seine Figuren bedenkt, fehlte mir – aber ich kann es dennoch kaum erwarten, zu sehen, was er und das grandiose Team, das er um sich geschart hat, als nächstes aufbieten. Es ist eine Freude, so viel Talent vereint zu sehen, und es ist eine womöglich noch grössere Freude, wenn hochtalentierte Künstler ganz genau das tun, wofür sie brennen, nicht was ihnen Trophäen verspricht. Dazu braucht das Ergebnis nicht mein neuer Lieblingsfilm zu sein. Tausend Dank für die zauberhafte Headline Gala, LFF. Joanna Hogg ist die nächste – ich kann’s kaum erwarten.
Monatelang habt ihr hier tapfer die Werbeeinblendungen und meine Rants über Geld durchgehalten. Zum Dank verspreche ich euch nun zwölf werbe- und geldfreie Tage – im Paradies.
London Film Festival 2022 – welcome to heaven on earth.
Die Himmelspforte öffnete für uns Mikhaël Hers, Regisseur von ‚Passagers de la Nuit‘, und wenn ihr diesen zärtlichen Zauberfilm irgendwo erwischt, lasst ihn euch bitte nicht entgehen. Lebensklug, zerbrechlich, charmant auf jene Weise, die Sehnsucht nach Pariser Fensteraussichten unerträglich macht, und zum Niederknien schön gefilmt bietet er genau die Art von Trost und Ermutigung, die wir in diesen Tagen brauchen. Nicht: Alles wird gut, sondern: Das Leben geht weiter. Nicht: Wir schaffen das, sondern: Wir sind noch da.
Seltsam berührend war es für mich, Erinnerungen an meine eigene Jugend, an die am tiefsten prägenden und am tiefsten vergrabenen Momente aufblitzen zu sehen – filmisch erzählt von einem Mann, der zehn Jahre jünger ist als ich. Das ist eine Meisterschaft, zu der mir im Augenblick kein Vergleich einfällt, und verkörpert wird sie neben hochbegabten jungen Akteuren von einer Charlotte Gainsbourg, die zu einer beneidenswerten und schmerzlich seltenen Art gehört: Mit jedem Jahr, das verstreicht, wird ihre Schönheit intensiver, und die Trauer darum, dass das Fest unweigerlich enden muss, trägt sie offen im Gesicht. So wie der Film in jeder Szene. So wie wir im Herzen.
Standing Ovations und ein ausverkauftes Curzon Soho in Tränen. Besser geht’s nicht. Natürlich hatte der Film als unsere Festivaleröffnung einen Bonus – aber den hat diese Coming of age story for people of age überhaupt nicht gebraucht, sondern lächelnd durchgewinkt. So happy to be back with the buzz. Bis demnächst in diesem Theater – morgen früh mit Noah Baumbachs „White Noise“, für euch fast live aus der Royal Festival Hall.
Gestern also war nach etlichen Tagen der Bananenmitschaleesser, Wasserausderleitungtrinker, Inbücherkeineeselsohrenmacher und was weiß ich noch alles endlich der Tag der Übersetzer. Den wollte ich eigentlich nutzen, um mich als (mindestens) weltbesten Übersetzer anzupreisen und der Restmenschheit mitzuteilen, dass ich in meinem gesamten Berufsleben noch immer nichts mit mehr Leidenschaft mache, über dreißig Jahre und weit mehr als hundert Titel Erfahrung verfüge und eine Roman-Übersetzung (von Drehbuch-Untertitelung ganz und gar zu schweigen …) immer, aber auch wirklich immer in meinen Terminkalender gequetscht kriege, egal wie kläglich der wimmert. Vor lauter Begeisterung darüber hab‘ ich das dann aber verpennt. Und was mach‘ ich jetzt? Ein Jahr warten?
Zur Not eben das. Aber allen Ernstes: Übersetzer sind ihr (selten üppiges) Gewicht in Platin wert. Eine gelungene Übersetzung ist eine dicht beschriebene Ansichtskarte aus einem Land, in das wir uns die Reise nicht mehr leisten können, eine Erinnerung daran, dass hinter dem Tellerrand ein Schlaraffenland wartet. Und damit ein Beitrag zur Völkerverständigung. Verständigung wohlgemerkt.
Liebe Kolleginnen, liebe Kollegen – wenn ihr euch gestern nicht gefeiert habt, feiert euch heute. Wir sind die Trümmerfrauen (und -männer) vom Turm von Babel. Wir sind die, die das unersetzliche Öl von einem Teil der Welt in den anderen tragen und darauf achten, dass unterwegs nicht ein Tropfen verlorengeht.
Ohne Zweifel. Wie Fisch vom Kopf her. Und Eigenwerbung kein bisschen weniger. (Und wenn ich in den nächsten sechs Worten jetzt nicht ganz schnell die Queen erwähne, bin ich ganz bestimmt obendrein pietätlos.) Ich find’s auch nicht so richtig appetitlich. Wirklich nicht.
Natürlich wäre ich ganz doll gern die, auf deren Bücher die ganze Welt dermaßen brennt, dass die Feuerwehr kommt und die Straße absperrt, wo morgens früh die Käufer vor dem Buchladen Schlange stehen.
Bin ich aber nicht, und mein neues Buch find’ ich trotzdem toll und will, dass ihr alle es lest und dann den zweiten Band, den ich noch viel toller finde, unbedingt auch lesen wollt, und am Ende vielleicht doch noch die Feuerwehr kommen muss und alles und überhaupt.
Außerdem ist diese Aktion – so billig wie heute kommen wir nicht mehr zusammen – auch viel zu cool, um sie euch vorzuenthalten, oder etwa nicht?
Also, liebe Leute: Nur heute, nur zum Wochenende, ganz viel Buch für ganz wenig Geld:
Mein Traum ist ja derzeit, einen Job als Person-die-im-Kino-sitzt angeboten zu bekommen. Und meine Adler-Bücher sind ein bisschen so, als hätte ich den in den letzten Monaten gehabt. Also los, für schlappe 99 Cent könnt ihr auch in meinem Kino sitzen! Im Premium-Sessel mit den tollen Löchern für Drinks! Ich freu mich auf euch – Wispern, Giggeln, Kreischen, Knutschen und mit Popcorn Knistern ausdrücklich erlaubt.
Die Moral meiner frühen Jahre hätte mir zweifellos nie und nimmer gestattet, mir eine BILD zu kaufen – geschweige denn, mich darüber in Dreiecken, Quadraten und Achtecken zu freuen, dass mein Name drin steht.
Aber meine frühen Jahre (nicht ihr Licht!) sind vorbei, in meinen späteren trage ich finanzielle Verantwortung für andere Menschen, und damit hat die Moral sich zu gedulden, bis sie drankommen darf. Zudem bemerkt Taika Waititi, der Zauberer unter den lebenden Filmemachern, den ich aus tiefstem Was-weiß-ich-nicht-alles verehre, treffend: “Sie können bei Ihrer Kunst Ihre Integrität bewahren. Aber mit Sorge um Ihre Integrität bezahlen Sie keine Rechnungen.”
Also steh’ ich in der BILD, freu mich krumm und schief, und pfeif’ meiner Moral ein Lied aus einem Taika-Waititi-Film. Und atme ganz tief auf. Wenn in einer solchen Flut von schlechten Nachrichten eine einzige gute mit schwimmt, dann darf die von mir aus auch in der BILD stehen.
Und bedank’ mich bei jedem wundervollen Menschen, der dieses Buch gekauft hat. Sowie vor allem bei dem allerwundervollsten Menschen, der todesmutig die gestrige Ausgabe der Bild gekauft und mir das Foto geschickt hat. Wäre ich in Deutschland gewesen, hätte ich womöglich erstmals in meinem Leben eine Bild selbst kaufen müssen. Hätte ich mich getraut? Obwohl mich einer hätte sehen können, der mich aus meinen frühen Jahren kennt?
“Natürlich nicht”, sagt mein Mann gelassen. “Du hättest mich geschickt.”
Der Auftakt meiner Trilogie um die Familie Adler aus der Berliner Friedrichstraße – noch eine Woche lang ist das ebook zum Sonderpreis von € 2,49 erhältlich. Ich freue mich riesig über Eure Eindrücke, Meinungen und Fragen – hier, auf Facebook, Instagram oder per Mail.