Erste Headline Gala – Noah Baumbachs ‘White Noise’

Fragt jemand mich, dann ist Noah Baumbach einer der poetischsten Regisseure, die wir derzeit haben. Ich war verzaubert von ‘The Squid and the Whale’ und ‘Meyerowitz Stories’ und dementsprechend enttäuscht, als ich mich für seine letzte Netflix-Produktion, die hochgelobte ‘Marriage Story’ nicht so richtig erwärmen konnte. Also ging ich in diesen, seinen neuesten Film mit beidem – hohen Erwartungen und leiser Angst – und eigentümlicherweise fand ich beide erfüllt.
First things first: Baumbach ist ein wundervoller Regisseur, und was immer ihn dazu getrieben hat, sich dieses Romans, der allgemein als unverfilmbar gilt, anzunehmen, bin ich sicher, dass er bewundernswerte Arbeit geleistet hat. Zum zweiten: Ich weiss noch, wie sehr ich gefürchtet habe, Adam Driver könnte für seine Leistung in ‘Marriage Story’ den Oscar bekommen und damit den unvergleichlichen Joaquin Phoenix’ in ‘Joker’ aus dem Rennen schlagen. Sollte er ihn für diesen Film allerdings bekommen, hat er meinen unpäpstlichen Segen. Was für ein Feuerwerk! Der Kerl brennt, er spielt sich die Seele aus dem Leib und hätte, wäre es nötig gewesen, den ganzen Film tragen können. In diese Pflicht wurde er jedoch nicht genommen, denn in ‘White Noise’ gibt es keinen einzigen mittelmässigen Schauspieler. Filmisch enthält er eine Perle nach der anderen: Die Hitler-Elvis-Combo! Das Zugunglück! Und die absolute Krönung: Der Supermarkt, in dem Baumbach von mir aus gern noch eine weitere Stunde hätte drehen dürfen. Demzufolge wähle ich den in selbigen Supermarkt gesetzten Abspann zu den drittbesten Credits aller Zeiten (die besten und zweitbesten gehören unauslöschlich natürlich Taika Waititi mit “Boy” und “JoJo Rabbit”). Sie machten den Eindruck einer gigantischen Party für Statisten, und ich wünschte, ich wäre einer gewesen.

Ein guter Film, ohne Frage. Er ist schwarz, er ist witzig, er ist clever, er hat Biss, Geheimnis und Esprit.
So what’s not to love?
Ich habe viel gelacht, mir die Augen besoffen, der Buzz war hinreissend, der Film sprüht vor Einfällen, und die Dialoge liefern einen Cracker nach dem anderen – und trotzdem … als wir schliesslich aufbrachen, kam ich mir ein bisschen wie mit leeren Händen vor.
Der Grund dafür scheint einigermassen paradox: Ich ging mit leeren Händen, weil der Film zu voll war. Zu viele Elemente auf zu kleinem Raum, und letzten Endes fügten sie sich nicht zu einem Ganzen, wie ich es mir erhofft hatte. Wirklich beurteilen kann ich es nicht, da ich Don DeLillos Roman nicht gelesen habe, aber ich vermute, es liegt an dem ‘unverfilmbaren’ Buch. Womöglich haben wir es hier mit einem jener Fälle zu tun, in dem ein Regisseur liebevoll und mehr als ehrenhaft zu dicht an seiner Quelle blieb? Zu dicht für mein Empfinden, wohlgemerkt. Der Film mag mich nicht ganz erreicht haben, und die lächelnde Zärtlichkeit, mit der Baumbach sonst seine Figuren bedenkt, fehlte mir – aber ich kann es dennoch kaum erwarten, zu sehen, was er und das grandiose Team, das er um sich geschart hat, als nächstes aufbieten. Es ist eine Freude, so viel Talent vereint zu sehen, und es ist eine womöglich noch grössere Freude, wenn hochtalentierte Künstler ganz genau das tun, wofür sie brennen, nicht was ihnen Trophäen verspricht. Dazu braucht das Ergebnis nicht mein neuer Lieblingsfilm zu sein.
Tausend Dank für die zauberhafte Headline Gala, LFF. Joanna Hogg ist die nächste – ich kann’s kaum erwarten.

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