Gemüseanbau für Möchtegern-Bergsteiger

Bitte nicht lachen (oder nicht so laut): Eigentlich sollte dieser/dieses (?) Blog die Überschrift „Wie mein Roman entsteht“ tragen und ausschließlich der nämlichen Thematik gewidmet sein. Eigentlich hatte ich gehofft, mich eines Tages tollkühn umzudrehen und die freundlichen, geduldigen Menschen, die sich hierher verirren, zu bitten, mir doch ein bisschen beim Ziehen zu helfen, beim Herausziehen meines Romans aus dem Kopfgeburtskanal. Und eigentlich hoffe ich das immer noch.

Dass sich hier stattdessen meine Urlaubsplanung, meine Opernbesuche, mein Wetterbericht, meine Hausfrauentipps und meine Klagelieder tummeln, ist eine optische Täuschung. Wirklich! Das sind die Geräusche, die mein Roman beim Entstehen macht, während er nicht entsteht. Noch nicht entsteht. So ein Roman ist ja eine Art Salatpflanze, der man durch emsiges Einquirlen von Knochenmehl in Mutterboden ordentlich aufhelfen kann. Deshalb fahre ich nach Yerevan, lese Taylors „Bright Young People“ und „The Making of Modern London“ von Weightman und Humphries und führe Gespräche über die Selbstbetankung von Bombern, über Freihandzeichnen für Steinbildhauer, über Chiraptophobie und Agliophobie und über Kuratoren, die in U-Bahnschächten den Schlaf von Artefakten bewachen. Deshalb versuch ich morgen noch einmal, mit R Lavash zu backen, vertrödele Stunden, die ich nicht habe, in meinem Lieblingsmuseum, klopfe einer Spitfire (die ich aber gar nicht einsetzen kann) auf die Flanke und höre den zehnten Vortrag über Cuneiform-Reading.

Das ist alles Knochenmehl-Quirlen. Das macht meinen Boden reich.

Ob aber Salat draus sprießt, bleibt, so sehr ich mir auch das Gegenteil beteuere, eine andere Frage. Und wenn ich über die rechtliche Situation des potentiell bleibenden Salats am 27. März ein halbwegs ergebnisorientiertes Gespräch führen will, sollte ich vielleicht zumindest in der Lage sein, eine Dokumentation vorzulegen, die zur Beschaffenheit des ‚Salad in question‘ eine halbwegs relevante Aussage macht. Also habe ich beschlossen, vom heutigen Tag nicht nur eine Stunde, sondern den kompletten Arbeitsmorgen zu stehlen und todesmutig die Splitter in die Hand zu nehmen, die das Exposé zu meinem Roman Ararat werden sollen.

Das Ergebnis könnte man in die Kategorie ‚Wer keinen doofen Tag hat, der versaut sich einen‘ einordnen.

Das Exposé ist schlecht. Dafür, dass es noch nicht einmal ein Exposé ist, sondern nur ein Haufen von Brocken, ist es sogar erstaunlich schlecht. Zu Deutsch: Es ist unbrauchbar. (Dass mich das so wenig schreckt, erlaube ich mir jetzt mal, als gutes Zeichen zu werten.)

Das ist jetzt mein erster Schritt, meine Pilotfolge in der Reihe „Der Berg und ich oder: Wie mein Roman entsteht“: Ein Exposé in die Tonne kloppen und ein neues aus dem Knochenmehl-verwöhnten Boden stampfen. Der Morgen ist  zwar jetzt aufgebraucht, aber da Mann und Kind heute in mein Lieblingsmuseum abwandern (ohne mich!), hab ich auch noch ziemlich viel vom Abend, das ich (ist Kleptomanie ansteckend?) mir zusätzlich stehlen kann, um damit anzufangen. Und damit ich heut‘ Abend noch Kraft übrig habe, schiebe ich jetzt einfach die Arbeit, die ich nicht mag (und die eilt), in der Chaoszone beiseite, und ziehe die, die mir leicht fällt (und die nicht eilt) näher an den Comp und mich. Ich bin heute mein eigenes Hätschelkind. Mit Knochenmehl genudelt. Für Dich, mein schwarzer Schöner. (Gerade hat eine Kollegin erzählt, ,Romane mit Nazi-Hintergrund’ wären der neue Trend. Zwar erzählt mir bisher jeder nur das Gegenteil, aber das wollt‘ ich Dir trotzdem in Dein schönes Muschelohr flüstern. Love you, Ararat.)

Andere nennen das Zeitmanagement. Ich versuch’s mal mit Frühlingserwachen.

Mi chiamano Mimi

Liebster Ararat.

Dein Autor ist der, der gestern die zwei (in Worten: ZWEI!) Romane, die er im letzten Jahr geliebt hat, in einem Schwung verraten hat. Über die Klinge springen lassen. Weil das leichter ging als Kämpfen. Weil dein Autor so furchtbar müde ist. Das, was Sodbrennen verursacht, ist die Tatsache, dass diese derart deklarierte Müdigkeit Zynismus ist, dem schon die Tarnfarbe blättert.

Romane sind keine Menschen. Zu behaupten, sie könnten verraten werden, ist pathetisch und ein bisschen pubertär. Weshalb fühlt sich’s dann trotzdem so an?

Weil ich – to be frank – nicht beliebig viele davon habe. Weil ich die geschenkt bekomme. Weil die das beste enthalten, was ich aufzubieten habe, um mit Menschen zu kommunizieren. Weil die mit mir kommunizieren. Über Menschen. Manchmal.

Vielleicht verrate ich Dich auch. So wie Anton und Hatti. Vielleicht verkaufe ich Dich wie andere Leute ihre Großmütter. Vielleicht sollte ich Dich beschwoeren: Flirte mit mir, aber heirate mich nicht. Ararat, Schönster, soll ich Dir eine andere suchen, die Dir einen Antrag macht und für Dich durchs Feuer geht?

Bedenke aber:

Dein Autor ist einer, der drei Stunden lang heult und am Ende lautlals durch die Albert Hall schluchzt, weil eine Frau, der das Licht ausgegangen ist, ihrem Nachbarn erzählt, alle Welt nenne sie Mimi, obwohl sie Lucia heißt.

Ararat, heirate mich. Du kannst eine bessere finden, eine die nichts von Verrat weiß, der Zynismus fremd bleibt und die keine Großmütter verkauft. Aber keine, die siebenundzwanzigmal in ihrem Leben La Boheme durchgeheult hat. Beim Applaus, als mir kaum noch etwas blieb, um die Bescherung aufzuwischen, hat mich meine entzückende japanische Sitznachbarin fürsorglich gefragt: „Ach, wussten Sie nicht, dass sie am Ende stirbt?“

Nein, Ararat, ich glaub, das wusste ich auch beim siebenundzwanzigsten Mal nicht.  Vielleicht verrat‘ ich dich, aber vorher sing‘ ich dir ‚Talor dal mio forziere‘ ins Ohr. Du mit deinen schönen Augen hast aus meiner Truhe alle Juwelen gestohlen. Ich bin ein zynischer Großmutterhändler, aber ich lerne das nicht, dass wir am Ende sterben.

Karasnortk. Lent 2014

Jetzt beginnt sie wieder, die große Warteschleife, die Kerbe im Jahr, in der die Schnelligkeit den Atem anhält, wenn wir sie lassen. Die Zeit der Vorbereitung und des Sich-Überantwortens. Vierzig Tage. Ich glaube, ich habe mir diese Reise, die in den Palmwedeln von Jerusalem und in den Tränen von Gethsemane ihr Ziel finden soll, nie so gewünscht. Mount Calvary. Mount Ararat. Wenn die Reise dem Ende zustrebt, sind wir in Yerevan, wo Lent Karasnortk, Great Lent, heißt.

Den Körper knapp halten und den Geist überhäufen, das war in den Vorjahren erfrischend, aber es scheint mir in diesem nicht genug. Ich würde gern mehr warten. Mehr vertrauen. Weniger über Fotokitschcovers, Verkaufszahlen, Schwächen schon geschriebener Texte, Schwächen schon verworfener Texte, Rechtsprobleme und Marktlagen aus dem Häuschen geraten und mehr von einem Roman träumen, der Ararat heißt. Lent nicht als Echo unserer täglichen Flüche, sondern als Erinnerung an das, womit wir gesegnet sind.

Allen, die heute mit uns aufgebrochen sind, lav chanaparh – eine gute Reise.

Berg in Sichtweite

Auch wenn ich mit der Fotocover-Schlagseite weiterhin durch die Landschaft torkele und seither weder gewagt habe, Hattuša anzufassen noch die Ararat-Kladde aufzuschlagen (was zwar nicht dem Selbstbewusstsein, wohl aber dem Arbeits-Output regelrecht erschreckend aufhilft), fühlt es sich gerade an, als ginge es erstmalig einen Schritt in die angestrebte Richtung – auf den Berg zu, nicht vom Berg weg. (Wenn ich ans Bergsteigen denke, würgt’s mich schon wieder, weil mir auf den Kopf fällt, dass mein Mont-Ventoux-Buch ein Trivialroman-Fotocover bekommt, aber was uns nicht umbringt, macht uns schwabbeliger.) Zwar habe ich in vier Tagen keinen Handschlag getan, um diesem  Roman, der Ararat heißen soll, in die Realität (?) zu verhelfen, aber dafür habe ich einen Termin, um über seine Rechte zu sprechen. Es ist der 27. März. Ein bisschen später als erwartet, aber noch vor Yerevan. Das scheint nahezu ideal. Fast gleichzeitig traf die endgültige – und sehr freundliche – Freigabe für meinen Roman Twelfthnight ein, der mithin nach erfolgter Rechterückgabe ganz und gar und ziemlich atemberaubend mir gehören wird. Mir. A und ich haben schon recht erfreulich daran gearbeitet, das Cover ist so gut wie standfest, der Klappentext auch, über den Textkörper will ich noch ein- oder auch mehrmals drüber (das ist auch eine betörende Aussicht – über einen Textkörper so lange drüber zu dürfen, bis er blank ist, nicht bis eine Klappe zufällt). Es fühlt sich jetzt sehr schön und richtig an, dass Twelfthnight, den ich sechs Jahre lang am liebsten mochte, Ararat die Vorhut für das Abenteuer Selfpublishing macht. Die zwei (von denen nur der eine existiert, but so what?) passen auf ihre eigene Weise zusammen, die geben ein Gespann. Carmen, wenn ich Dir die Hälfte von meiner Twelfthnight schenke, schenkst Du mir die Hälfte von Deinen Hattuša-Figuren für unseren Ararat?

Und dann hätt‘ ich noch gern, dass auf meinen Romanen Twelfthnight und Ararat (wie das klingt – das macht am frühen Morgen ein bisschen besoffen) nicht Kindle Direct Publishing steht (steht das auf Kindle Direct Publishing Büchern überhaupt?), sondern Ararat Publishing.

Wow.

Letztes Jahr um diese Zeit habe ich zum ersten Mal gewusst, dass ich nicht nur davon träume und bis Trainingskilometer Fünfunddreißig komme, sondern im Jahr 2013 einen Marathon laufen werde. Heute glaube ich zum ersten Mal, zu wissen, dass ich im Jahr 2014 ein Buch machen werde. Mein Buch.

Und wenn es nicht kitschfrei ist, liegt das daran, dass ich nicht kitschfrei bin, denn Tickets für die Albert Hall habe ich – nach wochenlangem Widerstehen – nun doch gekauft, und morgen weine ich wieder einmal dreieinhalb Stunden lang in La Boheme. Und vielleicht frage ich A dann, ob wir nicht obendrein einen Verlag gründen sollten. Wir sind Großeltern. Wir sind noch jung. Wir heulen noch in La Boheme, wir sind verliebt in eine neue Stadt (die letzte Stadt, in die wir uns so sehr verliebt haben, war Torino), wir machen unser erstes Buch. Noi che abbiamo un po paura ma la paura se ne va …

Um uns klebt ein Fotokitschcover und es regnet weiter, aber manchmal gehört uns die Welt.

Das Leben ist schön

Vielleicht sollte ich das – um Missverständnisse selbst unter nicht existenten Lesern zu vermeiden – ab und an hier erwähnen. Das Leben ist schön. Es ist voller Yerevans, Musa Daghs, Brahms-Sinfonien, gespitzter Pferdeohren, Mandelstam-Gedichte, langer Läufe vor Sonnenaufgang. Vermutlich vergesse ich, das zu erwähnen, weil ich so sehr daran gewöhnt bin. Das Leben ist schön. Nur das Schreiben nicht. Was mein Gejammer über das Schreiben – zugegeben – zum Gejammer auf hohem Niveau macht.

Ich habe gerade gelesen, dass es sich bei Arachibutyrophobie um die Angst handelt, Peanutbutter könnte einem am Gaumen kleben bleiben. Bemerkenswert. Wie die Angst vorm Nicht-schreiben-können heißt, habe ich nicht gelesen. Stattdessen frage ich mich wieder einmal, warum einer, der in bald vierzig Jahren gelernt hat, dass er nicht schreiben kann, der sich vorm Schreiben fürchtet und der sich mit dem Schreiben ins Leben, das schön ist, pfuscht, verbohrt und unbelehrbar weiterschreibt. Wieso muss ich am Schreibzwang leiden, wieso kann ich den nicht beispielsweise gegen das bemerkenswerte Erdnussbuttergrausen eintauschen?

Mein Trotzfuß möchte aufstampfen und behaupten: Weil mir manchmal so etwas wie mit Hattuša passiert. Aber zum einen ist mir Hattuša nicht manchmal, sondern nur einmal passiert, und zum andern frage ich mich gerade, ob ich nicht Hattušaphobie entwickeln sollte, denn bei Licht betrachtet wäre es allmählich an der Zeit, festzustellen, dass Hattuša nichts anderes ist als ein konventioneller Liebesroman der Sparte leichte Unterhaltung. Einer, auf den man ein Trivialroman-Fotocover pappen könnte (wogegen mein Magen krampfend protestiert und behauptet, er leide an Fotocoverphobie). Außerdem ist Hattuša im Lektorat und ich darf an ihn nicht mehr dran, darf aus ihm nicht einmal den besten konventionellen Fotocover-Liebestrivialroman der Sparte leichte Unterhaltung machen, den ich daraus machen könnte. Unterm Strich wird Hattuša für Leser, die ihn nicht liebeslechzend und halbblind betrachten, dasselbe sein wie die, die vor ihm kamen: Ein Schnellverbrauchsroman voller Schwächen (mit dem Vertreter desselben Genres, den ich gerade von einer Kollegin gelesen habe, kann er technisch zum Beispiel nicht im Mindesten mithalten. Und außerdem hat er nach wie vor einen sogenannten Love Interest – gibt’s Loveinterestphobie? – der erst auf Seite 150 auftritt).

Love you, Hattuša.

Das Leben ist schön. Nach R’s Konzert haben wir ein Restaurant entdeckt, das wirklich und wahrhaftig Erebuni heißt. Gestern wollten wir vor lauter Yerevan-Sehn- und Fühlsucht dort essen gehen, doch es hatte geschlossen, weshalb wir in einem soliden Londoner Pub landeten und nichts aßen. Zum Ausgleich bleiben – nachdem wir kurz vorm Aufgeben waren – die ersten ostarmenischen Worte hängen. Ganz wirklich. (Dass ich lieber westarmenische Worte lernen würde, weil ich unverbesserlich bin und jeder todesgefährdeten Sprache meine Liebe nachschmeißen muss, behalte ich jetzt mal für mich. Man kann ja nicht an allem herummeckern. Gibt’s eigentlich Sprachtodphobie?) Heute backt R, der der Backsucht verfallen ist, für einen Abend mit Freunden Focaccia und ich soll Polenta machen. Ich wollte ihn überreden, stattdessen Lavash zu backen, und bot an, mich zum zweiten Mal an Harissa zu versuchen, aber er traut sich nicht. Ist auch gut so. Focaccia ist Zuhause, und Lavash ist der schöne, fremde Geliebte. A dekantiert ausnahmsweise Chianti Classico. Das Leben ist schön.

Seid ihr wieder da?

Wer sich nie selbst verliert, kann der sich wiederfinden?

Ich habe mich nicht sattgesehen. Ich habe mich hungrig geliebt.

Wenn man entjungfert wird, reißt etwas. Wächst es wieder zu? Wächst eine neue Haut im Innern, während die alte, die die Misere verhüllt, immer durchgepflügter und weniger appetitlich wird?

Du hast mich entjungfert, Yerevan.

Es hat geblutet, und die Blutung ist nicht still. Etwas in mir ist gerissen. Du hast mir wehgetan, Yerevan, da wo die altersschwache Haut noch Nerven hat, die sich verletzen lassen. Wo sie noch Angst hat. Wo sie sich, wenn einer zupackt, noch fühlt wie roh und jung und neu.

Zurückgekommen bin ich – was das Schreiben betrifft – in nichts Schönes. Der Roman, den ich vor Hattuša dreist und überschwänglich für meinen stärksten, ehrlichsten, schönsten hielt, bekommt eins von diesen Foto-Covers für zwangshistorisierte Trivialromane aufgedrückt.

Habe ich so einen geschrieben?

Ich fühl mich auf höhnische Weise auf den Teppich gebracht. Wer war eigentlich das aufgeplusterte Geflügelweibchen, das sich einbildete, es hätte nach zwanzig Jahren Arbeit und Passion zum Thema Renaissance etwas zu sagen? Wer steckte eigentlich unter der stolzgeschwellten Hühnerbrust, wer war sich fast sicher, er könne von Yerevan etwas mitnehmen, schmelzenden Schnee in gekühlten Händen, ihn behutsam in Seiten schlagen und eine Geschichte erzählen, die Ararat heißt?

Für einen langen Augenblick hat mein Größenwahn mir eingeflüstert, ich hätte eine Spur von Ossip Mandelstams Ararat-Sinn in mir selbst. Ein Echo, das Noahs Berg in den Augen von Menschen lässt, die ihn nach der Sintflut angesehen haben.

Das ist lachhaft.

Ich bin kein Erbe von Petrarca und Mandelstam, ich hab kein Echo von Noahs Berg in den Augen und nach mir die Sintflut. Ich bin ein Huhn mit Schreibklauen, das einen Trivialroman geschrieben hat.

Trotzdem, Yerevan. Tausend Dank. Nach dir kann ich Hengste nehmen, Bullen, Widder, Drachen oder Bernhardinerhunde (mit freundlichem Dank an Henry M.). Nach dir kann ich Yerevan nehmen, und nach dir bin ich zumindest eine Trivialromane schreibende Tussi, die von Biss und Wollust, die sie mal hatte, noch etwas spürt.

Hätt‘ ich ein bisschen mehr von deinem Stolz mitgebracht, Yerevan, ich risse meinem gedemütigten Buch das würdelose Cover herunter und legte es mir nackt zwischen die Schenkel, die vor Erregung zittern und sich noch immer nicht einreden lassen, wie alt sie sind.

Vorm Abreisen

Über eines zumindest waren wir – die Carmen und ich – uns einig: Dieser/dieses (?) Blog sollte nicht von meinen kleinen Ausflügen in die erquickliche Umgebung (wir wohnen recht punktgenau da, wo sich die Verbindungslinien zwischen den Ripper-Morden kreuzen) oder meinen Versuchen, ein eher abenteuerlich übersetztes armenisches Kochbuch zu bändigen, ohne meine Familie zu vergiften, handeln, sondern vom Romanschreiben oder Romannichtschreiben. Da der Themenkreis Romanschreiben und Romannichtschreiben sich bei mir jedoch phasenweise unkrauthaft ausbreitet, sind Überschneidungen nicht immer vermeidlich. Gestern habe ich – dank einer sehr freundlichen, sehr aufmerksamen Kollegin – den Film „Haus der Lerchen“ gesehen. Jetzt sitze ich da mit meinen Überschneidungen.

Anderswo darf ich gerade interessanten Gedanken zum Thema Lesererwartung zusehen, die mir auf die Sprünge helfen. Ich glaube, dass war’s und bleibt’s, was ich von Literatur – und Kultur überhaupt – erwarte: Dass sie etwas mit mir macht. Dass sie mich im Nacken nimmt und ein bisschen schüttelt. Dass sie sich nicht zuklappen lässt. Zwanzig Jahre lang habe ich zu lernen versucht, so Geschichten zu erzählen: dass sie etwas mit Menschen machen.  Nach zwanzig Jahren und völliger Erschöpfung habe ich mir erlaubt, den Stempel „Kann ich nicht“ darauf zu stempeln und die Akte zu schließen. Jetzt lerne ich seit knapp zehn Jahren, Geschichten zu erzählen, die Menschen in Ruhe lassen. Ich will nicht behaupten, das sei leicht, aber es ist nicht Kann-ich-nicht. Es ist nur manchmal – nicht mehr allzu oft – stattdessen Warum-muss-ich?

Ich halt mich an Ararat (und wenn ich Ararat, der gar nicht da ist, schreibe, meine ich immer seinen Vorgänger, Hattuša, der da ist, mit) fest, weil er mir das – anders als meine anderen – beschert hat: Er hat etwas mit mir gemacht. Mich im Nacken genommen. Mein Schöner, mein Schwarzer. Er erlaubt mir nicht, ihn zuzuklappen. Zuweilen, in dem ganzen Wust von Schreib-Arbeit, die sich mit erschreckender Geschwindigkeit von mir entfernt, führt das zu einer gewissen falschen Euphorie. Denn natürlich macht zumindest mein fertiger Roman Hattuša das mit mir, weil ich – im Gegenteil zum späteren Leser –den Roman sehen kann, der Hattuša hätte werden können, wenn er nicht von mir wäre. Und mein nicht existenter Roman Ararat macht das mit mir, weil ich den und nur den sehe, der er werden müsste, wenn er nicht gezwungen wäre, von mir zu sein.

Ist er gezwungen? Könnte ich ihn nicht auch freilassen, wohlwissend, dass er ungeschrieben besser dran ist, weil ich dem, der er nicht nur sein könnte, sondern vor allem sein müsste, nicht gewachsen bin? Ist das kein Liebesakt? Genügt als mildernder Umstand, um sich an einer Geschichte zu vergreifen, dass man nach ihr süchtig ist?

Ich habe „Haus der Lerchen“ gesehen und bin darüber froh, weil es mich – bei aller Verliebtheit (gerade dabei) – an das erinnert hat, was ich eigentlich (im Prinzip) hier machen wollte. Und auch daran, dass ich das nicht kann und dass ich es meinem Roman schulde, mir zu überlegen, ob das, was ich stattdessen könnte, ihm eigentlich taugt. Ich denke, ich nehme jetzt meinen Roman Ararat und trage ihn an den Ararat (na ja, nicht ganz. Aber in Sichtweite. So wie der Mond kein Teil der Türkei ist) und dabei frage ich mich dann eine Woche lang, wie es mit uns beiden weitergeht – was ich für ihn tun kann, ob ich das fertigbringe, ihn zu schweigen, statt ihn zu schreiben, auf ihn zu verzichten, statt ihn in meiner Umarmung zu ersticken. Und wenn ja – was ich dann für mich tun kann. Damit ich mir nicht untergehe. Damit ich da stehen und gehen kann, wo ich jetzt stehe und gehe und wo ich mich, wie ich gerade bemerke, wiedererkenne. Damit ich „Haus der Lerchen“ sehen und „Buch des Flüsterns“ lesen kann und mich nicht in Schreib-Arbeit verliere, die sich von mir längst viel zu weit entfernt hat.

Heute mag ich uns beide. Ararat und mich. Und die Carmen lassen wir draußen. Die braucht keinen von uns.

Wenn einer das liest, wünsch‘ ich ihm eine schöne Woche. Und wenn nicht, dann auch.

Charlie

Spellbound

Die Carmen macht’s nicht. Sich umdrehen und dem Leser ein Lächeln stiften. Sie macht gar nichts, sagt sie, und ihre Figuren überlässt sie mir auch nicht. Ich soll meine eigenen benutzen oder mir neue suchen, die Welt zwischen Erdoberfläche und Himmelsrand sei voll davon. Die Carmen spinnt. Sie hat kein Herz und kein Nervenkostüm, deshalb ist sie ahnungslos und hat keine Vorstellung vom One-and-only.

Für mich gibt’s keine anderen Figuren. Keine alten und keine neuen. Für mich gibt’s keine anderen Romane. Nur Ararat. Heute erfahren, wie der deutsche Titel von „Spellbound“ heißt und mich amüsiert: „Ich kämpfe um dich.“ Und ob. Heute gelesen bei einer Kollegin: „Ich mag ansehnliche Männer.“ Wer bitte nicht? Ich schon immer und mit knapp vor fünfzig umso mehr. Schulterbreite, Haar schwalbenfarben, Beine wie Galgenstricke und das Grinsen verklemmt im rechten Mundwinkel. So einen schönen wie dich find‘ ich nie wieder. Die Carmen kann mich mal. Ich kämpfe um dich. Wenn wir jedem Risiko zuvorkommen, wird das Leben zum Coitus interruptus und so sexy wie Schweißfüße (wobei ich bei Füßen schon wieder ins Schwitzen komme).

Ich will nichts Handzahmes. Ich will dich. Keinen Chemiebaukasten, sondern einen Roman, bei dem mir das Reagenzglas explodiert.

So geht das besser. Wollen, nicht betteln. Und weil ich noch immer mit dem Rücken zum Leser steh und weder handverwackelte Fotos noch brandaktuelle Berichte zur Lage der abendländischen Kultur zu bieten habe, um von der Nabelschau abzulenken, kam mit heute die Idee, ich könnte mit dem Leser zumindest die aufregenden Schönheiten teilen, die gebratenen Tauben, die mir während des Tages in den Mund fliegen, das was an meinem Leben noch lange nicht fünfzig und unheimlich sexy ist. Worte. Die hier zum Beispiel, von Ossip Mandelstam: „Ringsum reicht den Augen das Salz nicht aus. Man erhascht Formen und Farben – und all dies ist ungesäuertes Brot. So ist Armenien.“

Schönen Abend, ansehnlichste Nacht.

Charlie

Rückansicht

Als ich sehr jung war (wieso klingt das eigentlich wie „Früher, da hatt’n wa noch’n Kaiser“?), hat mir ein Mann, der Raoul Schuster hieß und schreiben konnte, beigebracht: „Stell dich nie mit dem Rücken zum Leser.“ Ich hab das trotzdem immer wieder gemacht, ich hab meine Arme um meine Figuren gelegt und mich samt ihnen mit dem Rücken zum Leser gestellt wie mit dem Rücken zum Wind. Leser mögen keine Rücken. Jedenfalls die meisten nicht und schon gar nicht die aus meiner sogenannten Zielgruppe. Leser rufen ein- oder zweimal: „He, dreh dich mal um“, oder pieksen freundlich in Schulterblätter. Dann trollen sie sich. Suchen andere Gefilde, an denen ja kein Mangel herrscht. Gefilde mit Gesichtern. Irgendwann, ganz kurz vor Toresschluss, habe ich angefangen, an meinem Gewinde zu schrauben und mich ein Stück weit zu drehen. Mühsam. Angstschlotternd. Das kleine Stück Gesicht macht den Kohl nicht fett. Aber es dickt ihn ein bisschen an – gerade so, dass es reicht.

Jetzt steh‘ ich wieder hier, mit dem Rücken zum Leser. Der ist zwar nur imaginär, aber eigentlich sollte er das ja nicht bleiben. Eigentlich würde ich ja gern einen einladen, einen Leser aus Fleisch und mit Augen, eigentlich war ja dieses Experiment dazu gedacht, einem Roman, der nie Werbung erhalten wird, einen Tropfen Licht zu verschaffen, eigentlich … das hat mir auch mal der Mann namens Raoul Schuster beigebracht: „Wenn du schon eigentlich schreibst, schreib im Prinzip.“

Eigentlich oder im Prinzip hätte ich hier gern einen Leser, der mir glaubt (ich weiß nicht einmal, ob die Carmen das tut), wenn ich ihm versichere, dass ich einen Roman schreiben werde, der Ararat heißt, obwohl ich dafür keine Zeit und kein Geld habe und mir damit den Boden unter den Füßen wegreißen könnte. Aber dazu müsste ich mich umdrehen. Und erklären, was ich hier mache. Zu machen versuche. Und warum. Ich müsste die Stirn haben, dem Leser (auch wenn er noch imaginär ist) die Stirn zu bieten. Und meinen Roman Ararat (auch wenn er noch imaginär ist) zwingen, dasselbe zu tun. Wenn mir dafür die Traute fehlt, wenn sich mein Rücken allein bei dem Gedanken verkrampft und ich mir trotzdem weiter wünsche, dass einer ruft: „Dreh dich um“, vielleicht lass‘ ich’s dann morgen mal die Carmen versuchen. Die ist so cool. Die kratzt nichts. Die hat nicht nur auf dem Rücken ein dickes Fell.

Und Ararat lassen wir stehen, wie er will. Vorläufig. Bis er uns abstirbt oder über uns hinauswächst.

Einen schönen Tag auch!