Rückansicht

Als ich sehr jung war (wieso klingt das eigentlich wie „Früher, da hatt’n wa noch’n Kaiser“?), hat mir ein Mann, der Raoul Schuster hieß und schreiben konnte, beigebracht: „Stell dich nie mit dem Rücken zum Leser.“ Ich hab das trotzdem immer wieder gemacht, ich hab meine Arme um meine Figuren gelegt und mich samt ihnen mit dem Rücken zum Leser gestellt wie mit dem Rücken zum Wind. Leser mögen keine Rücken. Jedenfalls die meisten nicht und schon gar nicht die aus meiner sogenannten Zielgruppe. Leser rufen ein- oder zweimal: „He, dreh dich mal um“, oder pieksen freundlich in Schulterblätter. Dann trollen sie sich. Suchen andere Gefilde, an denen ja kein Mangel herrscht. Gefilde mit Gesichtern. Irgendwann, ganz kurz vor Toresschluss, habe ich angefangen, an meinem Gewinde zu schrauben und mich ein Stück weit zu drehen. Mühsam. Angstschlotternd. Das kleine Stück Gesicht macht den Kohl nicht fett. Aber es dickt ihn ein bisschen an – gerade so, dass es reicht.

Jetzt steh‘ ich wieder hier, mit dem Rücken zum Leser. Der ist zwar nur imaginär, aber eigentlich sollte er das ja nicht bleiben. Eigentlich würde ich ja gern einen einladen, einen Leser aus Fleisch und mit Augen, eigentlich war ja dieses Experiment dazu gedacht, einem Roman, der nie Werbung erhalten wird, einen Tropfen Licht zu verschaffen, eigentlich … das hat mir auch mal der Mann namens Raoul Schuster beigebracht: „Wenn du schon eigentlich schreibst, schreib im Prinzip.“

Eigentlich oder im Prinzip hätte ich hier gern einen Leser, der mir glaubt (ich weiß nicht einmal, ob die Carmen das tut), wenn ich ihm versichere, dass ich einen Roman schreiben werde, der Ararat heißt, obwohl ich dafür keine Zeit und kein Geld habe und mir damit den Boden unter den Füßen wegreißen könnte. Aber dazu müsste ich mich umdrehen. Und erklären, was ich hier mache. Zu machen versuche. Und warum. Ich müsste die Stirn haben, dem Leser (auch wenn er noch imaginär ist) die Stirn zu bieten. Und meinen Roman Ararat (auch wenn er noch imaginär ist) zwingen, dasselbe zu tun. Wenn mir dafür die Traute fehlt, wenn sich mein Rücken allein bei dem Gedanken verkrampft und ich mir trotzdem weiter wünsche, dass einer ruft: „Dreh dich um“, vielleicht lass‘ ich’s dann morgen mal die Carmen versuchen. Die ist so cool. Die kratzt nichts. Die hat nicht nur auf dem Rücken ein dickes Fell.

Und Ararat lassen wir stehen, wie er will. Vorläufig. Bis er uns abstirbt oder über uns hinauswächst.

Einen schönen Tag auch!

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