One and only

Die Werbung macht heute Pause.

Stattdessen erlaube ich mir, diesen Hinweis einzuwerfen, da mich gestern schon jemand gefragt hat, warum ich die gesamte Existenz meines Romans Ararat – “Und sie werden nicht vergessen sein” – minutiös dokumentiere, dabei aber tunlichst verschweige, dass er einen Vorgänger hat.

Das tut mir leid.

Es sieht aus, als wäre der Vorgänger mir peinlich, und das ist er nicht. Ganz und gar nicht. Er ist eine Sie, heisst Hatti – “Die Stadt der schweigenden Berge” – und war mir unter meinen Büchern das liebste, bis Ararat kam. Hätt’ ich die Hatti nicht gehabt, hätte ich auch keinen Ararat.

Trotzdem ist das eben passiert. Der kleine ist über die grosse hinausgewachsen. Nicht nur, was die Länge angeht (Ararat hat knapp 200 Seiten mehr). Bei der Hatti habe ich irgendwann – erstaunlich spät! – bemerkt, dass ich jetzt mein Thema am Wickel hatte (wie man einen Roman planen kann, ohne das zu merken, ist ein spannendes Thema, das ich hier gern einmal diskutieren möchte). Bei Ararat wusste ich von Anfang an: Das ist meins. No or never.

Im Ergebnis ist Ararat ein sehr anderes Buch geworden – und jetzt habe ich Angst, dass die beiden sich gegenseitig nicht Dampf machen, sondern sich die Leser verschrecken. Dass mir noch nie ein Buch so wichtig war, geht aus diesem Blog wohl mehr als deutlich hervor (dumdidum). Deshalb wünsche ich ihm jeden einzelnen Leser, jede einzelne Rezension, die wir bekommen können, buhle um jeden von euch, säusele, zirze

und versichere in diesem Sinne: Ararat ist ein Einzelroman, auch wenn es ein Buch gibt, das von Ereignissen im Leben von zwei seiner Figuren erzählt. Er kann völlig unabhängig gelesen werden – und spricht hoffentlich besonders die Leser meiner Charlotte-Roth-Romane an.

Über Blogger, die bereit wären, ihn zu rezensieren, freuen wir uns weiterhin und bitten um Nachricht (charlie@charlotte-lyne.com), damit ich mich um ein Rezensionsexemplar bemühen kann.

Einen schönen Tag wünschen Charlie, Ararat und Hatti – Geschwister, keine Zwillinge

Araratundhatti

Fortsetzung folgt?

War ich der, der nie Fortsetzungen schreiben wollte?

Der, der Fortsetzungen als Wurmfortsätze unrunder Geschichten bezeichnet hat, war nicht ich, oder etwa doch?

Meine Fortsetzung „Ararat“ ist kein Wurmfortsatz, sondern eine Wiedersehensparty. Eine Begrüßungsorgie am Bahngleis, das Zugticket, das man sich auf Pump kauft, weil die Sehnsucht es länger nicht aushält. Meine Fortsetzung „Ararat“ ist das kolossale Staunen: Nicht zu fassen, was aus euch geworden ist!

Nur den, der das lesen soll, wollen wir natürlich nicht draußen stehen lassen, während wir hier drinnen übereinander herfallen und uns in Entzückensrufen („Hach, bist du aber groß geworden“) ergehen. Weshalb es leider allmählich nötig wird, über die leidige Frage: Kratzt das einen?, nachzudenken.

Ich hab mein Liebespaar verlassen, als sie auf halb gepackten Koffern auf dem Sprung saßen, echauffiert, blitzäugig, tapfer ein bisschen Angst verbeißend und sich fest an den Händen haltend. Junge Leute halt – wir zwei gegen Himmel und Hölle und bis ans Ende der Welt. Beide hübsch, beide von der Art, auf deren Wangen alte Tanten Lippenstiftflecken hinterlassen. Meine Augensterne, my two and only.

Jetzt sind sie seit sechs Jahren angekommen, verheiratet, schon in dem Alter, in dem Ehemänner Hüftspeck ansetzen, aber sie kann nicht kochen, er hat Anorexie, und außerdem altern sie beide wie Wein. Sie haben sich ein Haus gebaut, und nun kommt die alte Tante (ich) zum ersten Mal zu Besuch. Die will natürlich vom Keller bis zum Boden geführt werden, in jeden Schrank spähen, unter jedes Bett linsen, sehen, in welchen Ständer er seine nach dem Lesen gefaltete Zeitung steckt und ihr zuschauen, wenn sie die nächste Rolle Klopapier aufhängt.

Die alte Tante arbeitet nicht mehr und wird demnächst samt ihrer Familie Konkurs anmelden müssen. Die alte Tante dreht Kopfkissen um und befühlt Tagesdecken, flötet: „Ich komm‘ mit euch zur Kirche, Kinder“ und drängt sich hinterher noch zum Einkaufen auf, prüft den Kaffeevorrat und will unbedingt die Nachbarn und den Hausarzt kennenlernen. Die alte Tante ist selig. Mit sich und der Welt im Reinen, zum ersten Mal, seit die hier hockt und schreibt.

Schreibt?

Nee, oder?

Womit sich die Lieblingsverwandten Nase und Hintern pudern, schreibt man doch nicht in einen Roman, den man anderen Leuten als höchst mitreißend verkaufen will. Ich fürchte, ich werde der alten Tante mal erklären müssen, dass das außer ihr selbst kein Schweinlein schert, ob ihr glutäugiger Liebling sich die Zähne mit Meersalz putzt und seine zauberhafte Gemahlin ihr Stullenpaket im Museum liegen lässt. Das ist jetzt nicht echt, oder? Trautes Heim, Glück allein, und das Honigkuchenpferd, das vor Stolz darauf platzt, bin – ICH?

Ich bin doch der mit den ganz düsteren, auf Sturm gebürsteten Geschichten voller angebrüteter Leute, die sich nie so verhalten wie der Hund von Onkel Rudis Schwiegermutter. Und jetzt will ich unbedingt aller Welt erzählen, wie zwei sich Opernkarten für Covent Garden bestellen – und die Oper fliegt dann nicht mal in die Luft? Was kommt als nächstes? Alte, ich fürchte, bevor die sich auch noch einen Dackel kaufen oder ihre Steuererklärung ausfüllen, während du tränenblind jauchzend daneben sitzt, müssen all diese hübschen marital-bliss-Szenen RAUS.

Darin war ich immer gut. Ein Klick und ab ins Nirwana.

ABER JETZT?

Ich kann doch nicht meine süße Gewitterhexe, die gegen einen Fleischwolf kämpft, in den Daten-Mülleimer schmeißen und die Kragennadelsammlung ihres Liebsten hinterdrein?

Das geht absolut nicht. Man klaut schließlich seiner alten Tante auch nicht ihr mit Blümchen beklebtes Fotoalbum! Ein bisschen zittrig nehm‘ ich den Finger vom Löschknopf und begreife nach über dreißig Jahren Leben als Kritzler, warum Kollegen eine Datei für Outtakes haben.

Die hab ich dann jetzt wohl auch. Und wie nenn‘ ich die? „Ararat Outtakes“? „Ein Sonntag bei Familie A. Januar 1938/Dezember 2014“? Oder „Wurmfortsatz III Material“?

NEIN.

Kommt nicht in Frage. Hatti und Ararat sind mein Geschenk an mich selbst für sämtliche verbleibenden Weihnachten meines Lebens. Die zwei sind das pure Glück, bringen uns empfindlich nah an den Rand des Ruins, und irgendwann ist Schluss. Dann muss man den Hals auch mal vollbekommen und wieder arbeiten, statt Verwandte zu besuchen.

Ich hab einen Mechanismus eingebaut, der garantiert, dass danach keine Hintertür mehr aufgeht, dass alle guten Dinge zwei bleiben, nicht drei werden (ich versprech euch beiden auch, ich werd euch nie „Dilogie“ nennen, sondern für alle Zeiten Hatti und Ararat). Ich druck mir dann halt meine Outtakes aus und kleb Blümchen zwischen die Seiten. So wie alle guten Tanten, die im Grunde ja wissen, dass hinreißende Liebespaare drei Kreuze machen, wenn die Alte wieder in den Zug steigt – und so schnell nicht wieder kommt.