Innehalten

Ararat Kindertransport1

“Chaja Loebel, fünf Jahre alt, eine kleine Berlinerin.”

Das ist das jüdische Mädchen, das in meinem Roman auf dem Bahnhof Friedrichstrasse ohne Angehörige in einen Zug ins Leben gesetzt wurde und durch den entschlossenen Einsatz von Menschen im letzten Augenblick einem Zug in den Tod entging.

Chaja Loebel habe ich mir ausgedacht.

Aber die etlichen Chaja Loebels, die vom Bahnhof Friedrichstrasse aus allein ins Leben oder in den Tod gefahren sind, hat sich niemand ausgedacht. Sie haben wirklich gelebt. Und sie sind wirklich gestorben.

An ihrem Denkmal an der Berliner Friedrichstrasse, halte ich mit Ararat auf unserer Reise inne. Am meisten weh tut das Wissen, dass der Wunsch, wir würden nie wieder so ein Denkmal brauchen, lachhaft vergeblich ist. Sogar der, wir würden nur eins für Kinder brauchen, die allein ins Leben reisen mussten.

Ich wünschte, ich hätte mir all diese Kinder ausgedacht.

Ararat Kindertransport2

Ararat Kindertransport4

Ararat Kindertransport Tod

Ararat Kindertransport Puppe

Ararat Kindertransport5

Advertisements

Und sie werden nicht vergessen sein II

“Lilly Greenstein rief den Betreuern etwas zu. Aus einer der blendenden Lichtinseln wurde ein Kind in Amarnas Richtung gereicht. Sie sah es erst deutlich, als einer der Helfer es vor ihr auf dem Pflaster absetzte. Ein anderer brachte Koffer und Rucksack, die neben dem Kind geradezu gigantisch wirkten.

Amarna erschrak. Das Kind war zart, aus den Mantelärmeln ragten knochige Gelenke, und der schief geschnittene Bubikopf war schwarz. Es hielt ein Stofftier an die Brust gedrückt und sah mit riesigen Augen niemanden an. Das fremde Kind war nicht fremd: Auf den ersten Blick wäre es spielend als Armans Tochter durchgegangen.

Chaja. Leben.

Der Wind zerrte am Haar des Kindes und riss alles fort, was Amarna belastet hatte: Armans Prüfung in Hornchurch, ihren Verrat, die ahnungslose Familie und die Kameras von British Movietone. Übrig blieb ein schmales, verlassenes, sichtlich frierendes Kind. Bülent hatte Amarna erzählt, wie er Armans Körper aus den zerfetzten Kleidern geschält hatte: „Die Rippen, sevgilim. Und die Hüften. Auf den Knochen war die Haut wie Papier, ich hab gedacht, wenn ich die anfasse, platzt sie mir auf.“

Amarna dachte das Gleiche. Auch wenn die Kleider des Kindes nicht in Fetzen hingen.”

Ararat. “Und sie werden nicht vergessen sein”. Knaur, 1. März 2016

Evacuation1