Für Clausnitz. Für überall.

Das Kind am Tresen stieß im Schlaf einen Laut aus wie ein kleines Tier. Wilma ging zu ihm und zog ihm eine Decke bis an den Hals. „Die Leute stehen vor den Konsulaten Schlange, um Visa zu bekommen, ganz egal, wohin. Eva hat im Grunde gar keine Chance mehr, schon gar nicht jetzt, wo die Herren Saubermänner in ihrem Schweizer Luxushotel entschieden haben, dass deutsche Juden nicht ihr Problem sind.“

„Was für Saubermänner im Luxushotel?“, fragte Paul.

„Lebst du eigentlich hinterm Mond?“, schnauzte Wilma ihn an.

„Nein. Mit dem Kopf im Sand.“

„So sieht’s aus“, sagte Wilma. „In diesem Luxushotel in Evian saßen Diplomaten aus zweiunddreißig Ländern, um gönnerhaft darüber zu befinden, ob die Gemeinschaft der Völker vielleicht ein paar Verfolgte mehr aufnehmen könne. In so großen, leeren Ländern wie Australien zum Beispiel. Aber die großen, leeren Länder sehen keinen Anlass, sich deutsche Probleme an ihren großen, leeren Hals zu holen, und in die inneren Angelegenheiten des Herrn Hitler mischt sich niemand ein. Hitlers innere Angelegenheiten, das sind meine Freunde: Eva Löbel, Yva Neuländer-Simon, mon petit chou, die gerade fünf Jahre alt ist. So oft wie mir zum Kotzen ist, wundert´s mich, dass ich noch kein Strich in der Landschaft bin.“

Wilma trat zum Wandbord und schnappte sich eine Flasche mit ihrem tödlichen Anisschnaps. Sie schenkte sich ein Glas ein, goss sich den Inhalt in die Kehle und stieß auf. „Willst du auch?“

Paul nickte. „Auf dieser Konferenz ist also entschieden worden, dass die Länder ihre Quoten nicht erhöhen?“

„Der Stürmer hat getitelt: Juden zu verkaufen. Wer will sie? Keiner.“ Ehe sie ihm ein Glas brachte, füllte sie sich ein zweites.

Beim Geruch der Flüssigkeit verhärtete sich sein Magen. „Was sagt Eva dazu?“

„Nichts“, erwiderte Wilma. „Die hat auch den Kopf im Sand. Die Ostjüdin mit den drei Blagen, die hier in der Straße herumstreicht und bettelt, ist schlauer. Der haben sie den Mann verschleppt, seither sammelt sie sich ihr Brot aus dem Müll. Warum sind Sie denn noch hier?, hab ich sie angebrüllt, weil mir das an den Nerven zerrt, diese hohläugigen Kinder mit den klapprigen Gliedern. Und sie hat in ihrem komischen Deutsch gesagt: Weg kann, wer hat Geld. Und jetzt bald auch nicht mehr der.“

Ararat – “Und sie werden nicht vergessen sein”. Knaur Taschenbuch, 1. März 2016

GenozideMonumentYerevan3

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Niemand wartet in dieser Stadt

So hätte ich meinen Roman Ararat nennen wollen. Stattdessen steht die Zeile von Mascha Kaleko jetzt vor dem ersten Teil. Und vor den anderen Teilen stehen auch Zeilen von der Berliner Dichterin, die sich entwurzeln musste und in eine Stadt fliehen, in der niemand auf sie wartete.

So wie meine Figuren Professor Brandstätter und Paul.

“Professor Brandstätter wartete in einem grauen Mantel und mit einem einzigen Koffer am Bahnsteig. Paul trug ebenfalls einen grauen Mantel und hatte einen einzigen Koffer. In ihren Reisepapieren standen zur Sicherheit bereits falsche Namen.

„Ihre Bekannte?“

Paul schüttelte den Kopf. Es war ihm nahezu unmöglich, zu sprechen, und so erging es ihm die ganze Fahrt über. Brandstätter sagte auch fast nichts, murmelte nur auf den einzelnen Bahnhöfen die Namen der Städte, die auf den Schildern standen. Dass er sie wiedersehen würde, war unwahrscheinlich. Er war über siebzig, und mit einer Wende im Kriegsgeschehen war nicht zu rechnen, jetzt, wo die Amerikaner erklärt hatten, ein Eingreifen komme für sie nicht in Frage. Aber er hatte seine Tochter, die in London auf ihn wartete. Er bekam eine Familie. Wenn er dazu nichts weiter tun musste, als Arman Artsruni auf die Schulter zu klopfen, konnte Paul ihn nicht sonderlich bemitleiden. Die meisten Leute waren im Herbst des Jahres 1941 vor schlimmere Aufgaben gestellt.

Auf ihn, Paul, wartete niemand in der fremden Stadt.

Ararat – “Und sie werden nicht vergessen sein”. Knaur Taschenbuch, 1. März 2016

Londonmorning