Abgesang

Jetzt ist er weg.

Ausgezogen aus meinem Haus, in das er sich freundlicherweise hat mitschleifen lassen, damit’s mir nach dem Umzug nicht so elend geht. Er war überhaupt immer freundlich. Das ist seine Natur. Still, sehr ordentlich, vollkommen pflegeleicht. Er war mit Langmut gesegnet und hatte ein Herz für alte Tanten – ganz im Gegensatz zu seiner Frau, der das auf die Nerven ging, dass ich immer und überall dabei sein, grinsen und meine Fotos schießen wollte. Mehr als einmal habe ich ihn den Arm um sie legen sehen und gehört, wie er ihr zuflüsterte: „Jetzt lass sie doch. Sie meint es doch nett.“

Ich hab’s nett gemeint. Das hat er mir immer geglaubt, auch wenn dies und das peinlich danebenging. Er konnte nicht lachen. Aber zum Ausgleich hatte er Humor.

Jetzt ist er weg.

Ausgezogen aus meinem Haus, und seine Gang, die ich dringend noch benötigt hätte, hat er mitgenommen. Ich hab ihn verraten, und das fand er nicht nett gemeint. Er hat immer alles allein gemacht, er hat mich nicht gebraucht, nur ich ihn, und das eine Mal, wo es umgekehrt gewesen wäre, habe ich ihn im Regen stehen lassen. Meinen Primo uomo. Meine schöne Frostbeule. How could I?

Als er auf mich angewiesen war, weil er sich ja nun einmal nicht in ihm unzugänglichen Dimensionen verteidigen kann, bin ich eingebrochen wie ein Zahnstocher. Und dass ich nicht vorbereitet war, ist die allerschlechteste Entschuldigung.

Auch wenn ich wirklich nicht vorbereitet war. Erwartet hatte ich, dass Leser mir an den Kopf knallen, ich hätte ihn verherrlicht. Dagegen hätte ich uns beide verteidigt. Und gelacht. Ich verherrliche ihn überhaupt nicht, hätte ich gesagt, er ist herrlich, und um mir das zu glauben, bräuchtet ihr ihn nur mal zwei Wochen lang in euer Haus zu nehmen. Könnt ihr aber nicht. Weil ich ihn nicht hergebe. Meiner bleibt hier, macht euch euren eigenen, ich bin sicher, ihr könnt das besser als ich. Ich habe dreißig Jahre dazu gebraucht.

Nein, Schriftsteller sind nicht verrückt und sie denken auch nicht mit den Verdauungsorganen. Schreiben funktioniert nur anders als Versicherungen verkaufen. Wobei ich das nicht wissen kann. Ich kenne keinen, der Versicherungen verkauft. Wenn ich einen kennen und wenn der mir erklären würde, wie das funktioniert, würde ich womöglich behaupten, er und seinesgleichen seien verrückt.

Wie Schreiben funktioniert, ist nicht ganz leicht zwischen Tür und Angel zu erklären, aber eins habe nach dreißig Jahren sogar ich gelernt: Schreiben funktioniert tausendmal besser mit einem Primo uomo, der sich bereit erklärt, für die Dauer der Romanentstehung ins Haus des Schriftstellers einzuziehen, das gesamte Ensemble im Gänsemarsch hineinzudirigieren und es obendrein anzuhalten, nicht allzu viel Lärm zu machen, benutzte Teller in den Abwasch zu stellen und sich vor der Tür die Schuhe abzutreten. Es funktioniert wie von selbst. Ohne Mitarbeit des Magen-Darmtrakts, und ohne dass es aus dem Herzen tropft. Beim Schriftsteller mag man verrückt dazu sagen. Beim Versicherungsvertreter hieße derselbe Vorgang effizient.

Das hat er mir auch beigebracht, nach dreißig oder eher vierzig Jahren Schreiben: “Schriftsteller” zu tippen und mich zu meinen. Im letzten Abschnitt hatte ich schon wieder Schreibsler getippt und danach Romanproduzent. Habe ich mir verboten. Ich wollt‘ ihn nicht noch einmal verraten. Dich hab ich mit meinem blöden Gestammel vertrieben, mein Schöner, aber deine Geschenke behalt ich. Solange ich kann.

Der Kunde ist König. Aber weißt du, was ich hätte machen sollen, mein verlorener Lieblingsuntermieter? Dich einmal nehmen, obwohl du dich so ungern anfassen lässt, ans Fenster zerren und in die Gegend schreien: Hat sich was. Der Primo uomo dieses Haushalts und sein Schriftsteller rufen jetzt endlich mal die Republik aus.

Er hört mich nicht mehr. Er ist weg, und ich muss unsere Geschichte allein zu Ende schreiben. Ohne mich am Schlüsselloch zu ergötzen, wenn er sich die Zähne putzt, ohne verzückt über die Faltkanten seiner Zeitung zu seufzen und ohne Fotos zu schießen, während er im Garten Croquet spielt. Das wird schon gehen. Er war ja lange genug hier, und er ist unvergesslich. Es wird nur nicht mehr so zauberhaft sein, sich nicht mehr wie Flirten anfühlen. Mehr wie Arbeiten, fürcht‘ ich. Aber wenn ich nicht weiß, wie’s weitergeht, kann ich ja meinen Versicherungsvertreter fragen.

Mein Primo uomo ist weg.

Er hat mir nicht einmal Auf Wiedersehen gesagt.

Das hätte ich an seiner Stelle auch nicht getan.

.Scratch in time

7 thoughts on “Abgesang

  1. Ich weiss nicht, Cindy.
    Ich bin geradezu laecherlich traurig.
    Vielleicht frag ich mal die Kollegen, bei denen regelmaessig Figuren zum Fruehstueck kommen, ob sie wissen, wo die hingehen. Ich hab damit ja keine Erfahrung.
    Ich bin mir aber ziemlich sicher, er kommt klar.

  2. Ist er weg ? Unwiderruflich weg? Nicht mehr zurück rufbar ? Warum hast Du ihn gehen lassen? Hätte er nicht bleiben können? Hättest Du ihn nicht zu mir schicken können? Hast Du ihm weh getan, dem Wildschwein der doch eigentlich ein kleiner zarter Igel ist der seine Stachel nur zu gerne ausstreckt ?

    • Ich fuerchte, Inge.
      Sie sind jetzt alle weg, und hier ist es ganz leise. Ich wuenschte, ich haette ihn zu Dir geschickt! Dann wuesste ich jetzt, wo er ist. Wo die hingehen, Figuren, die ausziehen.
      Vielleicht war’s ja an der Zeit. Aber wie man sich daran gewoehnt, weiss ich noch nicht. Dafuer weiss ich: Er war die schoenste Hormonersatztherapie aller Zeiten – und voellig ohne gesundheitsschaedliche Nebenwirkungen!

      • Jetzt bin ich traurig … hast Du Tante Frieda dann auch direkt in Rente geschickt ? Gibt es keine verliebten Postings von Dir mehr ? Und muss ich Angst haben Ararat zu lesen ?
        Und ob die Hormonersatztherapie Nebenwirkungen hat wird sich zeigen … vielleicht wirst Du jetzt ja kitschig ?

  3. Ich BIN kitschig!
    Und das schlimmste ist: es kratzt mich im Moment kein bisschen.
    Und Tante Frieda wuerd’ ich ja gern in Rente schicken, aber ich fuerchte, die muss noch fuenfzehn Jahre weiterarbeiten … verliebt isse immer noch, das wird bei ihr zurzeit eher schlimmer und besser, und Ararat schreibselt se wie eine Besessene weiter. Das ist sozusagen ihr Erinnerungsalbum …

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