Ratten und Menschen

Wilma schob ihm die Schachtel hin. „Dieser Mann von meiner Bekannten, den ihr den Türken nennt“, sagte er, steckte die Gauloise an und musste husten. „Der ist gar kein Türke.“

„Und du glaubst, das juckt mich? Was ist der denn? Bantu-Neger?“

„Armenier“, sagte Paul.

„Ja, und? Ist das was Verruchtes, lassen die sich Schwänze wachsen oder essen zum Frühstück kleine Kinder? Begegnet ist mir noch keiner, dabei ging hier früher alles mögliche Volk ein und aus.“

„Dir wird auch keiner begegnen“, sagte Paul. „Es sei denn, du fährst nach Armenien. Die Westarmenier, die im Gebiet der heutigen Türkei lebten, existieren nicht mehr. Ihr gesamtes Volk ist bis zum Ende des Weltkriegs ausgerottet worden.“

Er zog an seiner Zigarette. Wilmas Blick huschte durch die Rauchwolken über sein Gesicht. „Mach halblang“, murmelte sie. „Menschen sind keine Ratten. Die auszurotten würde nicht mal der Irre mit dem Schnurrbart wagen.“

„Vielleicht haben die Armenier das auch gedacht“, sagte Paul. „Halten wir still, warten wir‘s ab, es wird so schlimm schon nicht werden, denn Menschen sind ja keine Ratten. Der Vater von dem, den ihr den Türken nennt, war ein anerkannter Wissenschaftler. Er hat auf seine Stellung vertraut, war sicher, an ihm werde niemand sich vergreifen. Das hat seine Familie das Leben gekostet. Seine Tochter war, glaube ich, so alt wie Evas Kind.“

Etwas legte sich um Wilmas Herz, eine Klammer aus kaltem Metall. Von irgendwoher kam ihr eine Frage in den Sinn, die nicht warten konnte: „Paul, wer ist Erwin vom Rath?“

“Und sie werden nicht vergessen sein” Knaur Taschenbuch, 1. März 2016

Yerevantunnel

Advertisements