Ghosting (for) you

Was macht eigentlich ein Ghostwriter? Und was macht er oder in meinem Fall sie nicht?

Da ich immer wieder Anfragen bekomme, die in die falsche Richtung gehen, und weil ich Hoffnungen, die ich nicht erfüllen kann, gar nicht erst wecken will, möchte ich das hier einmal erzählen: 

Meine Geschichte vom Ghostwriting.

Vorab: Ich liebe es, Ghost zu sein. Weil ich gern Geschichten erzählt bekomme und gern Geschichten erzähle. Ghostwriting ist beides. Jemand, der etwas Spannendes, Faszinierendes, Komisches, Tragisches oder Unglaubliches zu erzählen hat, erzählt es mir. Und ich darf es nehmen und in eine Form klopfen, die weitererzählt werden kann. Ein grandioses Gefühl: Ich habe die ganze Begeisterung, die ganze selige Fassungslosigkeit, wenn so ein quicklebendiges Bündel Geschichte schließlich fertig in meinen Händen zappelt, und obendrein noch diese wundervoll verblüffte Überraschung, weil sie nicht meinem Hirnkasten entsprungen ist, sondern einem anderen. Ich lerne die interessantesten Menschen kennen und das, was mich an Menschen am meisten fesselt: die Geschichten, die in ihnen leben.

Unbezahlbar.

Und bezahlt werde ich dafür obendrein.

Was will man mehr?

Das erste Mal, dass ich als Ghostwriter in Aktion trat, liegt inzwischen dreißig Jahre zurück. Damals schrieb ich für einen Herrn namens Hartmut Lindner (Name geringfügig geändert), der eine tolle Komödie im Kopf, aber weder Zeit noch Erfahrung hatte, sie zu schreiben. Ehrlich gesagt – Erfahrung hatte ich auch noch keine, aber er vertraute mir, und ich leckte jede Menge Blut. Seine (Achtung: nicht meine!) Story wurde ein richtig großer Überraschungserfolg (Ja, ich weiß, war damals noch leichter als heute, aber leicht war es nie), und wir haben hinterher mit viel Vergnügen noch zwei Bücher miteinander gemacht.

Wohlgemerkt: Seine Bücher. Nicht meine.

Denn ein Ghost heißt Ghost, weil er im Verborgenen bleibt und niemand so richtig weiß, dass es ihn gibt.

In den dreißig Jahren, die folgten, habe ich für Schauspieler, Musiker, einen Tennis-Star, einen Fußballer, eine Tierschützerin, mehrere bekannte Autorenkollegen, eine Prinzessin, einen Clown, zwei Naturwissenschaftler und etliche nicht prominente, aber ebenso wichtige Menschen geghostet. Ich habe ihre Romane, Novellen, Biografien, Ratgeber und Reiseberichte in Worte gefasst und mich gefreut, wenn sie und ihre Autorinnen und Autoren ihren Weg fanden. Denn wohlgemerkt: Der Autor oder die Autorin ist mein Auftraggeber. Es ist und bleibt seine/ihre Geschichte. Ich bin nur der Ghost.

Das bedeutet:

Wenn ein Autor oder eine Autorin mich als Ghostwriter beauftragt, erzählt er oder sie mir eine Geschichte je nach Wunsch schriftlich oder mündlich, und er oder sie bezahlt mir (in zwei Raten) einen dafür festgelegten Preis. Die Geschichte, die ich daraufhin schreibe, bleibt seine oder ihre. Nach der Manuskriptabgabe ändere ich alles, was er oder sie geändert haben möchte. Und danach bin ich ‚raus‘. Sowohl arbeitsmäßig als auch finanziell.

Ich biete all meinen Kundinnen und Kunden eine umfassende Marktberatung und -betreuung an und bleibe ihnen gerne verbunden. Aber was sie danach mit ihrer (!) Geschichte machen, geht mich nichts an. Sie können damit genauso tun und lassen, was sie gern möchten, wie ich mit es mit meinen Geschichten kann. Und: Was immer sie hinterher mit diesen Geschichten für Einkommen generieren, geht mich auch nichts an. Ich habe mein Geld bekommen. Sämtliche Einnahmen gehören dem Autor oder der Autorin.

Auch wenn das Buch wie eine Granate einschlägt.

Auch wenn es verfilmt wird.

Auch wenn es auf der Bestsellerliste landet. 

Einer der zauberhaften Autoren, bei denen letzteres passierte, war so reizend, mir beharrlich eine Prämie auszahlen zu wollen. Aber so geldgierig ich auch bin, musste ich das ablehnen. Vertrag ist Vertrag. Er durfte mich aber bei einem Besuch hier in London zum Essen einladen. Und meinen Mann habe ich auch mitgebracht. Er (der Kunde, nicht mein Mann) hat’s von der Steuer abgesetzt.

Das macht ein Ghostwriter.

Und was macht er oder sie nicht?

Er oder sie lässt sich auf keine „Und als Bezahlung teilen wir uns die Tantiemen“-Regelung ein, sondern berechnet einen festgelegten Preis. Er oder sie ist nämlich ein Dienstleister. Autor oder Autorin bleiben Sie.

Er oder sie arbeitet zwar gerne mit Ihnen vorab an Plot und Material und berät Sie aus seiner Erfahrung heraus, aber er denkt sich keine Geschichte aus. Er schreibt die, die Sie sich ausgedacht haben. Nach Ihren Wünschen. Sonst wäre er oder sie nämlich Autor oder Autorin. Kein Ghost.

Er oder sie wird nie versuchen, Ihnen die Zügel zu entreißen. Wenn Sie sagen, der Hund ist aber blau, dann ist der blau. Und bleibt’s. Auch wenn Ihrem Ghost die Tränen den Rücken runterlaufen. Das müssen wir Ghosts eben wegstecken und mit blauen Hunden leben können. (Übrigens sind durchaus nicht alle meine Beispiele fiktiv …)

Er oder sie wird weder Ihren Namen noch den Ihres Werks jemals in Verbindung mit sich selbst öffentlich nennen. In dem Augenblick, wo sie Ihre Geschichte als fertig übernehmen, ist es nur noch Ihre. Für immer. Und ohne Wenn und Aber.

Und letztens: Er oder sie tut nichts, das gegen das Gesetz verstößt oder moralisch fragwürdig ist. Und der Ghostwriter, der diesen Text geschrieben hat, übernimmt keine Aufträge rassistischen, sexistischen, ableistischen, queerfeindlichen oder auf andere Weise menschenverachtenden bzw. faschistoiden Inhalts. Aber das versteht sich ja von selbst, und dergleichen steht für Sie genauso außer Frage wie für mich.

Ich freue mich auf Ihre Geschichten. Aber nur dann, wenn wir beide von Anfang an wissen, wer wer ist. 

Autor oder Autorin sind Sie.

Ich bin Ihr Ghost.

Und Fragen beantworte ich selbstredend gerne, hier oder per Mail.

2 thoughts on “Ghosting (for) you

  1. Liebe Charlotte Lynn,

    Ich habe Interesse an einem Coaching von Ihnen als Autorin für mich als Autorin. Gerne eine Stunde lang. Können Sie einen Termin in den nächsten Tagen/ Wochen anbieten?

    Vielen Dank

    Julia Lehnen

    PS: Ich bekam eine Nachricht zum Thema Ghostwriting. An diesem Angebot bin ich aber nicht interessiert, sondern nur an einem Coaching-Termin.

    • Liebe Frau Lehnen, herzlichen Dank für Ihre nette Anfrage, auf die ich Ihnen persönlich geantwortet habe. Die Nachrichten verschickt WordPress automatisch, wenn ich hier ein Posting einstelle.

      Einen schönen Tag wünscht Charlie Lyne

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