Die Flöte des Rattenfängers

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Das ist natürlich keine Flöte, sondern unsere Duduk, aber sie passt trotzdem. Sie ist eine Verführerin.

Die ganze Woche hängen Ararat und ich an dem grandiosen Bild einer – grandiosen – Kollegin. Wir sprachen über Kompromisse und Mittelwege, darüber, dass Leser – diese unschätzbaren Geschöpfe, die wir umwerben, umschwänzeln, für uns gewinnen und nie mehr frei geben wollen – einer Gruppe von Freunden gleichen, die gemütlich um einen Kneipentisch sitzt und sich unterhält. Die wollen gar nicht von uns abgeholt und an irgendwelche absonderlichen Orte verschleppt werden, die fühlen sich wohl, da wo sie sitzen. Wenn wir sie überreden wollen, aufzustehen und zumindest ein paar Schritte mit uns zu gehen, wird allgemein empfohlen, sich eine Weile lang zu ihnen zu setzen, sich freundlich ins Gespräch zu mischen, mitzuschwatzen …

Allzu schnell aber schwatzt man sich in der netten Runde fest und hievt sich nur noch widerstrebend in die Höhe. Und die Sitzenden? Die mühsam Überredeten? Wie viele von denen werden uns wirklich folgen und wie weit sind sie zu gehen bereit?

Meine Kollegin hat von etwas anderem gesprochen, und ich habe mich in ihr Bild verliebt. Sie mag das nicht mehr, hat sie gesagt. Es kostet so viel Kraft, es fordert von der eigenen Geschichte ein ständiges Beugen, Buckeln und Biegen, das ihr nicht gut bekommt, und der Erfolg ist fraglich. Lieber wolle sie künftig aufs Ganze gehen. Alles riskieren und der Geschichte vertrauen. So wie der Rattenfänger, der sich nicht hinsetzt und mitschwatzt, sondern an der Gruppe vorbeizieht und seine schönste Melodie spielt. Der Verführer, der weiß: Entweder die Melodie hat die Kraft, die Sitzenden aus ihren Stühlen zu reißen, oder nicht und dann hilft auch kein freundliches Geschwätz. Am Ende zählt das Lied der Flöte. Nicht ihr hübsch beklebter Kasten.

Ich will nachmachen. Todesmutig und gelassen. Verführen, zirzen, säuseln, aber nicht buhlen, sondern wissen: Ararat ist mein schönstes Lied. Wenn das nicht verfängt, ist alles Schwatzen und Rückenkrümmen für die Katz.

Fröhlichen Samstag!

2 thoughts on “Die Flöte des Rattenfängers

  1. Oh, das ist wirklich ein tolles Bild!
    Und ich glaube, man tut damit nicht nur sich selbst und seiner Geschichte einen Gefallen, sondern auch den Lesern, die sich einfangen lassen und der Flöte folgen, weil man sie rausführt und ihnen Orte zeigt, zu denen sie von selbst nie gegangen wären. Ich liebe es, wenn ein/e Autor/in das mit mir macht – wenn ich aus meiner gemütlichen Genreecke rauskatapultiert werde und auf einmal etwas lese, was ich nicht erwartet hätte, was mich überrascht, manchmal auch überrumpelt, aber auf jeden Fall in Bewegung bringt und aus dem gemütlichen Stammtisch-/Sofasumpf rausholt …

  2. Ich liebe das auch.
    Umso eigenartiger ist es, dass es so viel Mut kostet, das zu tun.
    Der eigenen Geschichte voellig vertrauen – es verbluefft mich immer aufs Neue, wie schwer das ist. Vielleicht stimmt es so aber auch einfach nicht, vielleicht ist es das Vertrauen in die eigene Stimme, der man nicht zutraut, dass sie die Geschichte erzaehlen kann, ohne ihre Wucht und ihren Zauber zu verlieren.

    Froehliche Pfingsten!
    Charlie

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