Treu sein, das liegt mir nicht

Ich habe dazu eigentlich nichts zu sagen. Nur etwas zu fragen. Das Thema plagt mich seit langem, ohne dass ich einer Lösung auch nur im Mindesten näher komme. Ich schummele mich zumeist links oder rechts daran vorbei, aber im Augenblick plagt es mich böse und gewaltig:

Weshalb darf eine männliche Hauptfigur im von Frauen gelesenen Unterhaltungsroman (also ein sogenanntes love interest) lügen, stehlen und mit Büchern schmeißen, schlagen, Krieg führen und durchaus auch töten, aber eines darf er niemals und ums Leben nicht – das Bett (oder was sonst so zur Verfügung steht) mit einer teilen, auf deren Schambein nicht One-and-Only gestempelt steht?

Ich habe das nie verstanden. Und gebe zu, dass mir diese nibelungentreuen ‚Helden‘ als Leser am schönsten Körperteil vorbei rutschen. Als Autor lässt mich ein Typ, dem entgeht, dass andere Omis auch schöne Enkelinnen haben, deutlich zu kalt, um ihm ein Feuerchen anzuzünden, eine Fackel zu tragen oder Pfeffer einzustreuen. Sind Moralapostel sexy? Ist irgendwer scharf darauf, die Suppe auszulöffeln, die alle anderen stehen lassen?

Nun muss man ja Lesern nicht alles erzählen. Begehen meine ‚Helden‘ (Das Wort finde ich noch unappetitlicher als love interest, to be honest) ihre moralerschütternden Treuebrüche eben allein mit mir im stillen Kämmerlein. Meistens klappt das. Immer klappt das nicht.

Was mache ich also, wenn ich meinen ganz reizenden und moralisch kein bisschen verwerflichen Primo uomo eine solche Todsünde in aller Öffentlichkeit (d.h. auf den Seiten meines Romans) begehen lassen muss, weil das dem Wesen der Figur, dem Wesen der Gegenfigur, der Historie beider Figuren, der Situation und der Dramaturgie der Geschichte nach unumgänglich ist? Muss ich den dann jetzt von der Leserinnenschaft lynchen lassen und mich noch daran freuen, dass die zu erwartende Leserinnenschaft sich bei Eigenveröffentlichung zahlenmäßig in einer Grenze halten wird, die er bei etwas Glück überleben könnte?

Das kann ich doch nicht machen! Es muss doch irgendwie vermittelbar sein, dass das – zumindest zwischen Leserin und Figur – kein Scheidungsgrund ist!

Beim Roman vor der Hattuša ist es mir schon einmal so gegangen. Ich fand, der sogenannte Treuebruch sei das plausibelste von der Welt, völlig klar und nachvollziehbar begründet, unausweichlich, no problem at all. Und was kam bei der Testleserunde auf weiblicher Seite als einstimmiges Echo?

„Wie kann der X das der Y nur antun?“

Den Treuebruch, wohlgemerkt. X tötet, flucht, lügt, ignoriert, verschweigt, brennt auf Krieg – darf er alles. Aber unter jemandes Bettdecke kriechen, wenn ihm kalt ist, darf er nicht (nee, ihm ist nicht kalt. Das ist mein Primo uomo, der diese Körpertemperaturregulationsprobleme hat, aber das wird ihm, fürchte ich, den Hals vor der Leserinnenschaft auch nicht retten). Beschädigter Held nennt man sowas. Aber ist beschädigt nicht erfreulicher als weichgespült?

Was mache ich denn da jetzt? Im Exposé lüge ich (das darf ich ja, solange ich nicht an der heiligen Kuh Fidelitas rüttele). Aber im Roman?

Verdammt, wieso ist denn dieses blöde Thema eine solche rote Karte? Weshalb zählt, sobald dieses Alarmlicht aufflammt, das ganze andere nicht mehr? Zum Beispiel der wunderschöne, schwarze Stoiker-Humor, den mein Primo uomo im Ärmel stecken hat. Oder die Fähigkeit sich, wenn er wollte, mit den Zehen an der Nase zu kratzen? Was ist denn dagegen schon das bisschen Gedödel am Rand?

10 thoughts on “Treu sein, das liegt mir nicht

  1. Das ist mal eine Idee!
    Frauen habe ich ja zwei (sonst haett’ ich das Problem nicht, gell?) … ich glaube, die wuerden sich dafuer beide freiwillig melden.
    Ach, wieso muessen wir zwei eigentlich arbeiten und koennen das jetzt nicht beim Suff (Pimm’s?) bekakeln? Aber an diesem Wochenende gewinnen wir ja im Lotto …

  2. Leider muss ich armes Schweinlein dieses ganze Gewurste aber bis Ende naechster Woche praesentierbar zurechtbasteln… und auf die Frage “was machense denn nu’ mit dem Mann und den beiden Frauen?” eine wenigstens halbwegs plausible Antwort parat haben. Also was, das zumindest tendenziell ueberzeugender klingt als “emm tja also”.
    Na ja.
    Ich schmeiss das heute mal in mein Freitagabend-Brainstorming. Leider besteht das ausser mir nur aus Maennern – und ich scheine, was das Thema betrifft, irgendwie ein Mann zu sein …

  3. Nur für mein Verständnis nochmal, dein Problem ist, warum sich dein “Held” nicht in eine andere Frau als seine verlieben darf bzw. warum er keine Affäre haben darf? Zumindestens nicht, ohne dass ihm deine Leserinnen dafür gerne sonstwas antun würden.
    Das ist wieder genau mein Thema. Ich bin nämlich grundsätzlich der Meinung, wo die Liebe hinfällt. Das finde ich nur realistisch. Ich mein, es mag Paare geben die sich jung kennen (und lieben) lernen und die wirklich der Tod erst scheidet, aber ich bin der Meinung, dass wir alle uns im Laufe der Zeit verändern und dass manche Paare so nicht mehr zusammen passen. Und ich finde es besser sich dann zu trennen, als seinem Partner eine Lüge vorzuleben. (Was anderes wärs jetzt wieder wenn dein “Held” jeden Tag eine andere hätte.)

    Die Idee von mrsnachtgedacht finde ich auch gut.
    Aber ich hab bei dem Thema auch an das “Tal der träumenden Götter” denken müssen. Da dachte ich ja auch Benito hätte eine Affäre (war das Dolores? Ich bin mir mit dem Name nicht mehr sicher …). Und ich mochte ihn immer noch genauso gerne. Obwohl ich auch Katharina sehr gerne mochte, weil sie ja auch eine ganz Liebe ist. Aber ich finde einfach, dass er durchaus ein Recht darauf gehabt hätte, sich neu zu verlieben.
    Ich finde das einfach nur realistisch.

    Ich weiß jetzt nicht ob dir das wirklich weiter hilft (und ich bin ja auch nur eine von vielen Leserinnen, und mir ist auch aufgefallen dass tatsächlich die meisten anderer Meinung sind), aber das ist mir durch den Kopf gegangen und ich wollte es gerne loswerden.

    • Doch, Biene, es hilft mir sehr, zu lesen, was die Menschen, denen ich die Geschichte gern erzaehlen moechte, dazu meinen. Denn die moecht’ ich ja nicht im Regen stehen lassen. Aber eben trotzdem eine Geschichte von Menschen erzaehlen, die ich mir selbst glaube. Und noch mehr: die mich interessieren. Moenche interessieren mich sehr – aber eben nur in Kloestern. Ich bin, fuerchte ich, einer, der nie ganz begriffen hat, warum man sich in mehrere Staedte, mehrere Sinfonien, mehrere Romane, mehrere Berge, mehrere Fruehlingstage, mehrere Bronzestandbilder, mehrere Suppenrezepte verlieben darf, in mehrere schoene Artgenossen aber nicht. Fuer mich klappt das nicht, einen Menschen als hellwach darzustellen, ihm aber Scheuklappen zu verpassen, sobald ein potentielles Objekt der Begierde vorbeistapft. Ich moecht’ gern einen, der sieht und reagiert.
      Die Idee von Mrs Nachtgedanken greife ich auf – zwei Frauen, zwei Plaedoyers!

      Vielen Dank Euch beiden!

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