Schriftsteller sein

Rein begrifflich ist das ganz einfach, oder? Ein Schriftsteller ist einer, der Schrift erstellt.

Aber ist einer, der im Abendkurs mit rührender Ungelenkheit schiefe Kannen bastelt, auch ein Töpfer? Bin ich als Mutti, die mit einem Auge auf der Eilübersetzung schnell den Sugo für die Spaghetti versalzt, ein Koch? Noch schöner wäre: Wenn ich auch weiterhin nach jeder Sitzung im Museum in die altorientalischen Abteilungen renne und mich dort eine halbe Stunde lang in Seufzern ergehe, bin ich dann demnächst ein Altorientologe?

Ich habe das nie gekonnt. Von mir als Schriftsteller denken. Ich fand schon das Fremdwort Autor schwierig. Und wenn mir so wie jetzt gerade meine sämtlichen Klötzchentürme einstürzen, erst recht. Hinter Bezeichnungen wie ‚Kritzelhansi‘ oder ‚Schreibsel-Tante‘ fühle ich mich wohler, weil sich schiefe Töpferkannen und versalzene Abendessen dahinter besser rechtfertigen lassen. Uangreifbarer. Zumindest scheinbar. Es fühlt sich so nach „Was habt ihr denn? Ich hab doch gar nichts gesagt“ an. (So wie als Teenager, oder? Wenn man schon selbst über den Schulhof gegrölt hatte, dass man keinen Büstenhalter brauche, konnte kein anderer in der Umkleidekabine mehr: „Sag mal, hast du da echt noch nix?“, fragen …)

Jetzt habe ich in dem sehr lesenswerten Blog einer Kollegin einen Artikel entdeckt, in dem sie mit bestechender Ruhe und Überzeugung erklärt: Schriftsteller sind wir, weil wir schreiben. Und das nicht anders möchten. Unabhängig von schlechten Verkaufszahlen, schockierenden Covers, verschleppten Zahlungen, problematischen Lektoratsbedingungen oder verlorenen Rechten. Ich bin dabei neidisch geworden. Und wütend auf mich. Ich habe – zum ersten Mal, glaube ich – festgestellt, dass ich nicht mich damit in den Boden stampfe (ich bin als Lektor wie als Übersetzer ein ziemlicher Angeber), sondern meinen Roman. Vermutlich lässt mich die Carmen deshalb nicht an ihren. Meiner heißt Ararat, und ich möcht‘ auf ihn nicht stampfen.

Während ich die couragierte, selbstbewusste Erklärung der Kollegin (und den nicht weniger eindrucksvollen Kommentar einer anderen Kollegin) las, ist mir klar geworden, dass ich Ararat mit meinem Gestampf weit mehr verrate, als wenn ich ihm ein scheußliches Cover umhängen lasse, einem verfrühten Lektorat zustimme oder seine Rechte kampflos aufgebe. Wenn ich das hier – wie es aussieht – wahr mache und das KDP-Abenteuer wage, steht mir noch bevor, was all diese ,kleinen Katastrophen‘ in den Schatten stellen könnte: Meine Verkaufzahlen werden derart dramatisch einbrechen, dass ich mich durch kein Rechenexempel wirklich dafür wappnen kann. Was mache ich dann? Nenne ich mich ‚Schmierfritzchen‘ und meinen Roman ‚Rumgekliere‘? Oder komme ich hinter meiner Luschtige-Masken-Sammlung gar nicht mehr vor?

Mein Roman heißt ‚Ararat‘. Er wird keine schiefe Kanne, sondern ein Roman. Er bekommt zu wenig Zeit und leidet unter meinen Niederlagen, aber er wächst jeden Tag. Seinem Figurenpark haben sich ‚meine Butterfrau‘ und ‚Tom, der Reimer‘ zugesellt, wenn ich ihn anfasse, flattert er mir unter den Fingern und mein Herz macht aufgeregte kleine Sprünge. Am Samstag haben er und ich zwei wundervolle, geschenkte (wir mussten da warten …) Stunden in der British Library verbracht und haben uns einen Kaffee geteilt wie ein Liebespaar. Ich will nicht, dass mein Roman Ararat von einem Kritzelhansi oder einem Federfuzzi geschrieben wird, egal wie viele Umkleidekabinen-Teenies entdecken, dass wir ‚da echt noch nix haben‘. Ararat, das verspreche ich dir: Bis du fertig bist, habe ich gelernt, zu sagen, was wir beide sind.

Love.

Charlie

3 thoughts on “Schriftsteller sein

  1. Und ich möchte genießende Leserin sein …
    Ich freue mich wie verrückt aufs Buch … Du machst hier soooo neugierig

  2. Ich hoffe jeden Tag (besonders heute), dass noch ein paar Mäuse mehr (oder überhaupt) in der Geldbörse landen. Und würde die gleich für Bücher ausgeben, derzeit erreicht meine Wunschliste eine unermessliche Länge.

    Über den Schrift(er)steller muss ich mal nachdenken…

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