Keilschrift!

Um den Kommentar der berühmten Kollegin, auf deren Besuch ich, um ehrlich zu sein, ziemlich stolz bin, nicht in der Luft hängen zu lassen, habe ich der Versuchung widerstanden und meinen Eintrag vom Freitag nicht editiert. Stattdessen entschuldige ich mich lieber hier für die Verwendung des Wortes „Cuneiform“ statt des im Deutschen gebräuchlichen „Keilschrift“ und bitte, mit zu glauben: Dies war reine Schlamperei, die mir (von Beruf Übersetzer …) leider häufig passiert – mein mit Langleitung ausgestatteter Kopf hat das Wort des auf Englisch gelesenen Buches (das hoffentlich bald auch auf Deutsch erscheint) nicht mit übersetzt. Keinesfalls war es der Versuch, ein lateinisches Fremdwort zu benutzen, um Expertenschaft vorzugaukeln, die nicht vorhanden ist. Als mein Sohn (11) ein wenig traurig berichtete, die meisten seiner Jung-Archäologen-Kollegen (auch 11 und drumherum) wüssten nicht, wo das Königreich Urartu gelegen habe, musste ich (nicht 11) ihm gestehen, dass ich, bevor der Carmen die Hattuša in den Schoß fiel, nicht wusste, dass ein Königreich Urartu existiert hat.  Keilschrift fand ich immer aufregend, weil das, was Menschen so kritzeln, mich eben von je her am Haken hat, aber dabei ist’s bis Hattuša geblieben.

Nebenbei: Keiner der deutschen Experten, die meiner Hattuša-Recherche auf die Sprünge halfen, hat je das Wort „Cuneiform‘ benutzt. Warum auch? Keilschrift ist wundervoll anschaulich und verständlich. Sprachbenutzung, die zwischen Sender und Empfänger bewusst eine Distanz herstellt, habe ich immer als nicht nur leicht affig (was ja in Ordnung wäre), sondern vor allem als kontraproduktiv empfunden. Als junge Berufsanfängerin habe ich mal Gebrauchsanweisungen in drei verschiedene Sprachen übersetzt. Ich hatte die dann in vier Sprachversionen, von denen drei von mir selbst stammten, auf meinem Computer, und verstanden habe ich keine.  Selbstredend liegt das daran, dass ich als Technik-Trottel der Nation durchgehe. Vielleicht gäb’s von solchen Technik-Trotteln ja aber weniger, wenn der Wille, derlei Anweisungen anschaulich und verständlich zu formulieren, größer wäre?

Anyway – der letzte, der an solchen ich-bin-schlauer-und-das-seid-ihr-nicht-Versuchen Interesse hätte, wäre der von mir verehrte Irving Finkel, der das Auffinden von Keilschrift-Tafeln auf hinreißende Weise mit der Kartoffelernte vergleicht und eindrucksvoll vor der Distanz, die Historiker zuweilen zwischen uns und unsere Vorfahren legen wollen, warnt. Irving Finkel geht es in seinen prachtvoll lesbaren Texten wie in seinen Vorträgen und Seminaren darum, Vergangenheit und namentlich ihre Menschen zugänglich zu machen. Nähe herzustellen.  Über sein Lieblingsthema schreibt er in ‚The Ark before Noah‘: „In my estimation the old cuneiform writers have to be inspected with the right end of the telescope, the one that brings them closer.“

Seine Bücher sind solche richtigen Teleskop-Enden. Und historische Romane mag ich, weil sie das, wenn sie wollen, auch sein können. Weil man als Autor diese überwältigende Entdeckung machen und weiter geben kann: Die waren ja gar keine unbekannte, unnahbare, unerklärliche Species. Die waren Leute. Und die sind uns nah. Vor ein paar Jahren hätte ich solchen wie mir, die vor Recherchebeginn nicht wussten, dass Urartu existierte, noch am liebsten verboten, über Urartu zu schreiben. Durch Ausbildung und Berufserfahrung bin ich im europäischen (!) Spätmittelalter und der Renaissance ,zu Hause’ und war lange der Ansicht, dort solle ich dann gefälligst auch meine Geschichten suchen. Die Ansicht habe ich in den Müll geworfen, ins Non-Recycling. Über Urartu bringe ich keinen Boden mit wie über Tudor-England, aber meine Anfänger-Begeisterung, mein Ausflippen über jede neue Entdeckung, meine Ich-will-alles-von-dir-wissen-Verliebtheit und die Frische des Blicks über den Tellerrand schenken mir einen Schwung, der das – denke ich – voll wettmacht. Ich hab das ein bisschen spät, aber dafür gründlich gelernt: Geschichte ist keine Reihe verschlossener Türen mit Aufschrift „Betreten für Unbefugte verboten“, von denen wir nur die eine vorsichtig aufschieben dürfen, für die wir wacker ein Zertifikat erworben haben. Was unsere Vorfahren betrifft, sind wir alle befugt und dürfen jede Tür einrennen, die uns dazu verführt.

Deshalb freu‘ ich mich neuerdings sehr darüber, Kollegen, die ich aus bestimmten Epochen „kenne“, in ganz anderen zu entdecken, und finde ihr Abenteuer so spannend wie meines in Urartu. Und damit habe ich jetzt den Bogen geschlagen, bedanke mich noch einmal bei Andrea Schacht für ihren Hinweis zum Stichwort Cuneiform, sprich Keilschrift, und freu‘ mich auf ihren neuen Roman ‚Triumph des Himmels‘, der in wenigen Tagen erscheint und die Tür zu Jahrhundert Zwanzig aufstößt.

Fröhlichen Sonntag!

4 thoughts on “Keilschrift!

  1. Nun bin ich aber echt froh, dass ich nicht die einzige war, die Cuneiform erst mal nachschlagen musste und deshalb im Grunde nur Bahnhof verstanden hat…

    Letztendlich kann ich sagen, dass mich bereits freue, irgendwann in diesem Jahr nach Urartu, das eine leise Erinnerung an Mesopotamien wachgerufen hat, zu reisen.

  2. Du warst in Mesopotamien? Anke, ich laufe erst gruen an und dann sterb’ ich vor Neid. Bei uns durfte Urartu “nachruecken”, weil mein Mann Mesopotamien (und Aegypten, das der Wunsch des Sohnes gewesen waere) zum Reisen mit Kind nicht sicher genug fand. Jetzt sind wir allerdings verliebt und “bleiben” erst einmal.
    Wohin und wann faehrst Du genau? Wir fahren jetzt nach Yerevan und im Oktober dann hoffentlich nach Van.
    Und wo warst Du in Mesopotamien?
    Ich bin wirklich sehr gruen … aber ich kann ja nicht sterben, bevor ich da auch hinkomme!

    Alles Liebe von Charlie

  3. Liebe Charlie,

    du darfst dich ganz entspannt wieder entfärben…

    Leider war ich (noch nicht) in Mesopotamien, obwohl mich eine Reise dorthin wahrscheinlich mehr reizen würde als die sonst “gängigen” Ziele. Aber ehrlich gesagt, ist es derzeit wirklich nicht sicher dort, und das bisschen, was in der Türkei liegt, reicht – denke ich – nicht aus, um das Land zwischen den zwei Flüssen zu erfassen.

    Die Erinnerung wurde wachgerufen durch das Thema Keilschrift, die ja auch in Mesopotamien verwandt wurde. Als der Geschichtsunterricht in der 5. Klasse begann, hatte ich eine tolle Lehrerin, die das Wissen der frühen Menschheitsgeschichte großartig vermitteln konnte. Da sie außerdem noch Kunst unterrichtete, gestaltete sich das Ganze wahrlich anschaulich. So sind viele Sachen “hängen geblieben”, und mein Interesse für Geschichte existiert ungebrochen. Daran konnten auch spätere (unfähige) Lehrer nichts mehr ändern…

    Du hattest ja mal das Thema angesprochen, welche Romanthemen zur Zeit gefragt sind und welche nicht. Ich vermute, dass Mesopotamien nicht zu den gefragten Themen gehört. So viel an erzählender Literatur gibt es ja leider nicht, ich habe da Bücher unter anderen von Peter Danielson und Stephan Grundy (Gilgamesch) gefunden, die aber wohl eher mythische und biblische Themen beinhalten. Was mich interessieren würde, wäre das ganz normale Leben dort. Diesbezüglich hoffe ich alternativ stark auf dein Hattusa (liegt ja quasi “um die Ecke”)…

    Fröhliche Grüße

    Anke

    P. S. Und dein für dein Magda-Lob, da hatte ich schon Gänsehautfeeling…

    • Liebe Anke,
      im Grunde ist es ausgesprochen unfair, Menschen die erstens gerade pleite sind, und die zweitens gerade einen Stapel wundervoller Buecher zum Geburtstag bekommen haben, Buecher zu empfehlen, die sie unbedingt haben muessen (Du kennst doch die, oder? Die ohne die man garantiert stirbt …). Aber zum Glueck hat das Gilgamesch-Buch ja nur 6 Cent gekostet, das duerfte sogar unser Konto ueberleben.
      Also bedanke ich mich mal lieber bei Dir, statt zu meckern. Buecher, auf denen GILGAMESCH draufsteht, muessen in dieses Haus, da gibt’s nichts. Das bricht sonst zusammen.
      Um Deine Mesopotamien-Lehrerin beneide ich Dich sehr. Mein Geschichtsunterricht begann leider in Griechenland, das als “Wiege der Zivilisation” besungen wurde, und hoerte irgendwie auch immer da wieder auf. Aber dafuer habe ich jetzt eine neue Welt.

      Leider hast Du recht. Mit Epochen, die auch nur im Entferntesten nach “Vor Jahrhundert Neun” (das ist eine ungefaehre Schaetzung meinerseits – wenn die falsch ist, bitte ich um Korrektur) riechen, kann man Verleger jetzt, wo der historische Roman im Niedergang ist, noch fixer als vorher auf die Baeume jagen. Ansonsten bekaemen wir von Autoren wie Iris Kammerer, die ich boese vermisse, vielleicht endlich mal wieder einen neuen Roman. Und Babylon duerfte noch ein bisschen duemmer dastehen als Rom.
      Einen Lichtblick in der Schwaerze gibt’s aber: Derzeit relativ machbar ist (mit entsprechenden Auslassungen) Jahrhundert Zwanzig. Und wenn so illustre Kollegen wie Andrea Schacht uns da voranreiten, wird das hoffentlich auch noch ein bisschen gepusht. Dann haben wir naemlich die schoenste denkbare Ausweichmoeglichkeit: Den Archaeologenroman!

      Einen schoenen Tag wuenscht Charlie

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