Pour toi, Armenie

Mignons Lied

 

Nur wer die Sehnsucht kennt

Weiß, was ich leide!

Allein und abgetrennt

Von aller Freude,

Seh ich ans Firmament

Nach jener Seite.

Ach! der mich liebt und kennt,

Ist in der Weite.

Es schwindelt mir, es brennt

Mein Eingeweide.

Nur wer die Sehnsucht kennt

Weiß, was ich leide!

 

Goethe,

Ausgeborgt von Charlie Lyne.

 

Eigene Worte hab ich derzeit nicht und bitte dafür um Entschuldigung. Ich fühl‘ mich so still. Mir fehlt Yerevan, als wär’s meins. Mein Yerevan. Also sitz‘ ich hier, hasse meine Arbeit, liebe meinen Roman, den ich nicht schreiben kann, und vermisse eine Stadt wie einen Menschen. Für die hohen Feiertage, die wie immer kostbar waren, habe ich mir diesmal nur eines gewünscht: Dass wir hier drüben, wo’s gemütlich ist, verdammt nochmal die Augen offenhalten und auf Menschen überall da, wo’s das nicht ist, verdammt nochmal achten.

Pass auf dich auf, Yerevan.

Und weil mir derzeit sonst nichts einfällt, schick ich demnächst – so meine Administratorin mir hilft – etwas Schöneres als mein Gestammel.

Von Yerevan.

Und vom weltschönsten Berg.

 

Ich hoffe, alle Leser unseres Blogs hatten wundervolle Ostern.

Alles Liebe von Charlie&Carmen

P.S.: Ganz ganz herzlichen Dank für die vielen Mails und Comments zu meiner Buchverloseaktion. Ich habe mich so gefreut. Aus sehr persönlichen Gründen lose ich die Bücher nicht morgen, sondern am Donnerstag aus und freu mich darauf.

Karasnortk. Lent 2014

Jetzt beginnt sie wieder, die große Warteschleife, die Kerbe im Jahr, in der die Schnelligkeit den Atem anhält, wenn wir sie lassen. Die Zeit der Vorbereitung und des Sich-Überantwortens. Vierzig Tage. Ich glaube, ich habe mir diese Reise, die in den Palmwedeln von Jerusalem und in den Tränen von Gethsemane ihr Ziel finden soll, nie so gewünscht. Mount Calvary. Mount Ararat. Wenn die Reise dem Ende zustrebt, sind wir in Yerevan, wo Lent Karasnortk, Great Lent, heißt.

Den Körper knapp halten und den Geist überhäufen, das war in den Vorjahren erfrischend, aber es scheint mir in diesem nicht genug. Ich würde gern mehr warten. Mehr vertrauen. Weniger über Fotokitschcovers, Verkaufszahlen, Schwächen schon geschriebener Texte, Schwächen schon verworfener Texte, Rechtsprobleme und Marktlagen aus dem Häuschen geraten und mehr von einem Roman träumen, der Ararat heißt. Lent nicht als Echo unserer täglichen Flüche, sondern als Erinnerung an das, womit wir gesegnet sind.

Allen, die heute mit uns aufgebrochen sind, lav chanaparh – eine gute Reise.

Das Leben ist schön

Vielleicht sollte ich das – um Missverständnisse selbst unter nicht existenten Lesern zu vermeiden – ab und an hier erwähnen. Das Leben ist schön. Es ist voller Yerevans, Musa Daghs, Brahms-Sinfonien, gespitzter Pferdeohren, Mandelstam-Gedichte, langer Läufe vor Sonnenaufgang. Vermutlich vergesse ich, das zu erwähnen, weil ich so sehr daran gewöhnt bin. Das Leben ist schön. Nur das Schreiben nicht. Was mein Gejammer über das Schreiben – zugegeben – zum Gejammer auf hohem Niveau macht.

Ich habe gerade gelesen, dass es sich bei Arachibutyrophobie um die Angst handelt, Peanutbutter könnte einem am Gaumen kleben bleiben. Bemerkenswert. Wie die Angst vorm Nicht-schreiben-können heißt, habe ich nicht gelesen. Stattdessen frage ich mich wieder einmal, warum einer, der in bald vierzig Jahren gelernt hat, dass er nicht schreiben kann, der sich vorm Schreiben fürchtet und der sich mit dem Schreiben ins Leben, das schön ist, pfuscht, verbohrt und unbelehrbar weiterschreibt. Wieso muss ich am Schreibzwang leiden, wieso kann ich den nicht beispielsweise gegen das bemerkenswerte Erdnussbuttergrausen eintauschen?

Mein Trotzfuß möchte aufstampfen und behaupten: Weil mir manchmal so etwas wie mit Hattuša passiert. Aber zum einen ist mir Hattuša nicht manchmal, sondern nur einmal passiert, und zum andern frage ich mich gerade, ob ich nicht Hattušaphobie entwickeln sollte, denn bei Licht betrachtet wäre es allmählich an der Zeit, festzustellen, dass Hattuša nichts anderes ist als ein konventioneller Liebesroman der Sparte leichte Unterhaltung. Einer, auf den man ein Trivialroman-Fotocover pappen könnte (wogegen mein Magen krampfend protestiert und behauptet, er leide an Fotocoverphobie). Außerdem ist Hattuša im Lektorat und ich darf an ihn nicht mehr dran, darf aus ihm nicht einmal den besten konventionellen Fotocover-Liebestrivialroman der Sparte leichte Unterhaltung machen, den ich daraus machen könnte. Unterm Strich wird Hattuša für Leser, die ihn nicht liebeslechzend und halbblind betrachten, dasselbe sein wie die, die vor ihm kamen: Ein Schnellverbrauchsroman voller Schwächen (mit dem Vertreter desselben Genres, den ich gerade von einer Kollegin gelesen habe, kann er technisch zum Beispiel nicht im Mindesten mithalten. Und außerdem hat er nach wie vor einen sogenannten Love Interest – gibt’s Loveinterestphobie? – der erst auf Seite 150 auftritt).

Love you, Hattuša.

Das Leben ist schön. Nach R’s Konzert haben wir ein Restaurant entdeckt, das wirklich und wahrhaftig Erebuni heißt. Gestern wollten wir vor lauter Yerevan-Sehn- und Fühlsucht dort essen gehen, doch es hatte geschlossen, weshalb wir in einem soliden Londoner Pub landeten und nichts aßen. Zum Ausgleich bleiben – nachdem wir kurz vorm Aufgeben waren – die ersten ostarmenischen Worte hängen. Ganz wirklich. (Dass ich lieber westarmenische Worte lernen würde, weil ich unverbesserlich bin und jeder todesgefährdeten Sprache meine Liebe nachschmeißen muss, behalte ich jetzt mal für mich. Man kann ja nicht an allem herummeckern. Gibt’s eigentlich Sprachtodphobie?) Heute backt R, der der Backsucht verfallen ist, für einen Abend mit Freunden Focaccia und ich soll Polenta machen. Ich wollte ihn überreden, stattdessen Lavash zu backen, und bot an, mich zum zweiten Mal an Harissa zu versuchen, aber er traut sich nicht. Ist auch gut so. Focaccia ist Zuhause, und Lavash ist der schöne, fremde Geliebte. A dekantiert ausnahmsweise Chianti Classico. Das Leben ist schön.

Seid ihr wieder da?

Wer sich nie selbst verliert, kann der sich wiederfinden?

Ich habe mich nicht sattgesehen. Ich habe mich hungrig geliebt.

Wenn man entjungfert wird, reißt etwas. Wächst es wieder zu? Wächst eine neue Haut im Innern, während die alte, die die Misere verhüllt, immer durchgepflügter und weniger appetitlich wird?

Du hast mich entjungfert, Yerevan.

Es hat geblutet, und die Blutung ist nicht still. Etwas in mir ist gerissen. Du hast mir wehgetan, Yerevan, da wo die altersschwache Haut noch Nerven hat, die sich verletzen lassen. Wo sie noch Angst hat. Wo sie sich, wenn einer zupackt, noch fühlt wie roh und jung und neu.

Zurückgekommen bin ich – was das Schreiben betrifft – in nichts Schönes. Der Roman, den ich vor Hattuša dreist und überschwänglich für meinen stärksten, ehrlichsten, schönsten hielt, bekommt eins von diesen Foto-Covers für zwangshistorisierte Trivialromane aufgedrückt.

Habe ich so einen geschrieben?

Ich fühl mich auf höhnische Weise auf den Teppich gebracht. Wer war eigentlich das aufgeplusterte Geflügelweibchen, das sich einbildete, es hätte nach zwanzig Jahren Arbeit und Passion zum Thema Renaissance etwas zu sagen? Wer steckte eigentlich unter der stolzgeschwellten Hühnerbrust, wer war sich fast sicher, er könne von Yerevan etwas mitnehmen, schmelzenden Schnee in gekühlten Händen, ihn behutsam in Seiten schlagen und eine Geschichte erzählen, die Ararat heißt?

Für einen langen Augenblick hat mein Größenwahn mir eingeflüstert, ich hätte eine Spur von Ossip Mandelstams Ararat-Sinn in mir selbst. Ein Echo, das Noahs Berg in den Augen von Menschen lässt, die ihn nach der Sintflut angesehen haben.

Das ist lachhaft.

Ich bin kein Erbe von Petrarca und Mandelstam, ich hab kein Echo von Noahs Berg in den Augen und nach mir die Sintflut. Ich bin ein Huhn mit Schreibklauen, das einen Trivialroman geschrieben hat.

Trotzdem, Yerevan. Tausend Dank. Nach dir kann ich Hengste nehmen, Bullen, Widder, Drachen oder Bernhardinerhunde (mit freundlichem Dank an Henry M.). Nach dir kann ich Yerevan nehmen, und nach dir bin ich zumindest eine Trivialromane schreibende Tussi, die von Biss und Wollust, die sie mal hatte, noch etwas spürt.

Hätt‘ ich ein bisschen mehr von deinem Stolz mitgebracht, Yerevan, ich risse meinem gedemütigten Buch das würdelose Cover herunter und legte es mir nackt zwischen die Schenkel, die vor Erregung zittern und sich noch immer nicht einreden lassen, wie alt sie sind.