Wie ein – mein – Roman entsteht

Das Stadium, in dem Ararat und ich stecken, ist das Flirtstadium. Da geht noch alles und nichts muss. Da möchte man unentwegt seinen Kram hinwerfen und mal rasch hinter dem nächsten Busch verschwinden. Da fühlt sich noch jedes Aufwachen an, als könnte der Tag die Welt aus den Angeln heben und sie in eine funkelnde, brandneue Bahn schleudern. Ein so langes Flirtstadium wie mit Ararat hatte ich noch nie. Ararat, langbeinig, schwarzäugig, ist zum Verführer geboren, und vielleicht flirtet er ja noch ab und an weiter mit mir, auch wenn die Phase irgendwann unweigerlich vorbei ist – so wie der Mai, von dem jeder Frühling bekanntlich nur einen hat.

Die Hatti hat das gemacht. Mit mir weitergeflirtet, mir ins Ohr geflüstert, sich mir um den Hals geringelt, sooft ich im Ernst-des-Lebens-Stadium dachte, ich kann nicht mehr weiter. Vielleicht habe ich das deshalb bei der Hatti kaum je gedacht. Eigentlich nur einmal. Und das war der Augenblick, in dem die Hatti mir gezeigt hat, wer sie ist.

Normalerweise sollte der Autor das wohl während des (langen) Vorbereitungsstadiums wissen, in dem das kreuz und quer zusammengeflirtete Material ordentlich (man kann’s auch übertreiben …) in Listen eingezwängt, sortiert und zu Szenenplänen und Personenpark-Inventaren verwurschtet wird. In dem Stadium wird auch die Recherche vervollständigt, was unzählige Gespräche mit unendlich interessanten Menschen beinhaltet, die wie beim Adventskalender dem Roman eine Tür nach der anderen aufstoßen. Dabei lerne ich ihn kennen. So wie zwei sich kennenlernen, die nach einem durchflirteten Frühling noch immer verrückt genug sind, in eine gemeinsame Wohnung zu ziehen. Wenn dieses Stadium abgeschlossen ist und die ernsthafte Schreiberei, dieses Rien-ne-va-plus-Moment, vor dem ich mich immer grusele, anfängt, ist für gewöhnlich alles „in trockenen Tüchern“ und rundum einzementiert. Dann gibt’s am Gerüst nichts Wesentliches mehr zu rütteln.

Bei der Hatti war’s anders. Die hat mittendrin, nach zwei Dritteln angehäuftem Text, ohne Wimpernzucken zu mir: „Halt mal“ gesagt. „Das, was du da machst, bin übrigens nicht ich.“

„Mir doch egal“, bin ich ihr über den Mund gefahren, „du musst jetzt fertigwerden und basta.“

„As you like it“, hat die Hatti gesagt und mir schon die Hälfte ihres schönen Rückens zugedreht. „Aber wenn du mich küssen wolltest, wo ich wirklich schön bin, müsstest du doch nochmal dein Lebendgewicht aus diesem Stuhl stemmen.“

Sie war grundsätzlich unwiderstehlich, wenn sie so gesäuselt hat, meine Hatti. Also habe ich mich in die Höhe gehievt, und dann haben wir miteinander eine Wahnsinnstat begangen, die Hatti und ich. Und uns gefühlt wie als Kinder beim Grand Coup aller Klingelstreiche.

Aber bei der Hatti war sowieso alles anders. Schön war’s. Sogar die Schreibphase. Es war alles meins.

Was jetzt kommt, ist nicht mehr meins, und das ist gut so. Denn ein Roman entsteht – Gott sei Dank – nicht nur durch das, was ein einzelner sich in seinem Kämmerlein zurechtbastelt. Die Experten und Testleser marschieren auf, wie eben eines Tages die Welt in ein Liebesnest drängt. Nicht lange darauf zieht er mit Sack und Pack aus und hinterlässt Platz für einen neuen. Und daneben eine schmale, tiefe Kerbe, in der steht: „Hattuša. 2013. Hier war ich und hierher kommt keiner.“ In Keilschrift.

Im nächsten Stadium ist der Roman nicht mehr mein, sondern findet seinen Meister, der ihm das Gefieder stutzt und striegelt. Aber irgendwann kommt er noch einmal zu Hause vorbei, und der verlassene Autor darf ein letztes Mal drüberstreichen. Davor fürcht‘ ich mich mächtig. Aber ich freu mich auch ganz unbeschreiblich.

Ich bin so aufgeregt, als stünde wahrhaftig demnächst mein verlorener Liebster vor der Tür: Nächste Woche kommt meine Hatti aus dem Lektorat!

7 thoughts on “Wie ein – mein – Roman entsteht

  1. Ach du liebe Güte, was für eine schöne Liebeserklärung! Und ich kann das so gut nachvollziehen (gut, bis auf die Sache mit dem Lektorat und den Experten, bisher bin ich noch gänzlich schubladig unterwegs) …
    Wie geht es dir denn dann mit Romanen, die wirklich beendet und abgeschlossen und flügge sind – vermisst du die auch immer wieder, oder reicht es dir, sie im Regal stehen zu sehen und zu wissen, dass sie ihren Weg gegangen sind und Leser gefunden haben?
    *weiter auf dem Blog rumstöbern geh*

    • Die Frage finde ich sehr schoen.
      Vermisst habe ich von meinen nur Twelfthnight. Ein bisschen. Aber es war auch schoen, zu wissen, dass es sie jetzt “gibt”.
      Bei der Hatti ist das aber anders. Bei der habe ich von Anfang an das Gefuehl gehabt, die muesste eigentlich bei mir bleiben, ich hab das nicht drauf, die wegzugeben, freizugeben, abzugeben, die ist ganz und gar mein, ich sollte im Lotto gewinnen und sie zurueckkaufen, damit sie hier beschuetzt in meinen Armen bleiben kann. Und ausserdem habe ich bei der Hatti viel mehr Angst vor den Lesern als bei den andern. Ich will mit der Hatti unbedingt Leserunden machen, um sie zu bewerben, um Leuten zu zeigen, wie charmant sie sein kann – aber dann ueberkommt mich wuergende Panik und etwas fluestert gehaessig zischend in mein Ohr: Das haeltst du doch gar nicht aus, du Mimose.
      Leave alone, Ararat.
      Mir wird schlecht, wenn ich nur dran denke.

      Und trotzdem – so verquer das jetzt klingt – ist es mir bei den beiden so wichtig wie bei keinem anderen, dass jemand sie liest.
      Verrueckt?
      Ich fuerchte.

      Du weisst, worauf du dich einlaesst, wenn du deine Schubladen oeffnest, ja?
      Aber wenn Dir dann ein einziger Leser etwas ueber deine Figur sagt, das klingt, als waere sie ein lebender Mensch und auch noch so, als waere sie schlaflose Naechte und Traenen wert – das ist so schoen, dass es einem das Herz und die Kehle eng macht, in den Ohren singt es, und das ganze andere schuettelt mam dafuer auf leichter Schulter ab …
      Solltest du uebrigens einen Testleser brauchen, der auf eine Leseprobe oder ein Expose mal draufschaut – ich wuerde mich freuen.
      Einen schoenen Freitagabend wuenscht
      Charlie

      • So, ich habe mich gerade durch das gesamte Archiv dieses Blogs gelesen. Und ja, ich habe ein bisschen Angst vor einer möglichen Veröffentlichung, meinen eigenen Roman (der erste historische und schon allein damit ein Herzensprojekt) irgendwann tatsächlich da rauszuschicken in die weite Welt – falls ich auf dein supernettes Angebot bezüglich Testlesen zurückkommen sollte, irgendwann, wenn er soweit ist, wird das allein mir vermutlich schon Herzrasen verursachen.

        Aber gleichzeitig, und das ist viel wichtiger, habe ich hier durch deine Leidenschaft für deine Geschichten gerade enorm viel Motivation gewonnen, mich trotz allem durch die letzten Schreibhürden zu kämpfen – weil er es verdient hat, und weil ich ihn liebe, auch wenn ich manchmal so unzufrieden bin mit dem, was mein Geschreibsel aus der Geschichte macht. Aber ohne mich gäbe es sie gar nicht, genauso wie es ohne dich keine Hatti und keinen Ararat gäbe – und ich freue mich schon jetzt darauf, beides zu lesen, auch wenn ich ja bei letzterem noch kaum was über die Geschichte weiß.🙂

        Und ich geh jetzt mal sofort zu meinem kleinen, ungeschliffenen, verdreckten und trüben Rohdiamanten zurück und versuche, so viel davon zum Funkeln zu bringen, wie es mir nur möglich ist.
        (Irgendwie macht mich dein Schreibstil hier auf dem Blog ganz poetisch … ;-))

  2. Hallo ich habe mch soeben in diesen Blog verliebt ! ♥
    Kann ich dem Blog irgendwie folgen /abonnieren?
    (Yes, I am a Steinzeitmensch😉 )

    • Darueber freuen der Blog und seine Inhaber sich ganz unbeschreiblich!
      Leider sind die Carmen und ich aber auch Steinzeitmenschen (das heisst, ich bin einer und die Carmen kratzt das alles nicht), weshalb ich nicht so ganz sicher bin, wie man das macht. Irgendwo muesste so eine Klick-Box sein, auf der “Follow” steht. Da ich aber nicht weiss, wo die ist, frage ich meine Administratorin und melde mich!
      Einen himmlischen Tag wuenscht Charlie

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