Darf man Kitschromane schreiben, die 1938 spielen?

Natürlich darf man. Man darf ja auch Sülze, Eisbein und gekochten Kohl essen oder sich sein Essen aus Pulvern in bunten Tütchen zusammenrühren. Die Frage ist also eher: Muss man?

Vorab: Ich weiß keine Antwort. Ich will das nicht essen, das weiß ich. Nicht weil es geschmacklos, stillos oder ethisch fraglich sein könnte. Sondern weil’s mir nicht schmeckt.

Wenn mich ein Kitschroman – 1938 oder sonstwann – im Genick packen könnte, würde ich mir hemmungslos einen kaufen. Aber das kann er nicht. Ich kann in La Boheme weinen. Aber nicht über „Er küsste sie zärtlich und voll Verlangen“. Darüber kann ich, wenn’s harmlos ist, ein bisschen lachen. Wenn nicht, ekelt’s mich. So wie Sülze, Eisbein und gekochter Kohl (Tütenpulver nicht. Das ist ja trocken). Einmal hab ich ein Buch mit spitzen Fingern zur Tür hinaus und in meine Recycling-Tonne getragen, weil ich den Kohlgeruch in meinem Haus nicht haben konnte. Mein Mann hat sich totgelacht. Er nennt das Kitschhysterie.

An dem Punkt würde ich mich als Leser meiner eigenen Bücher fragen, wieso der Anti-Kitsch-Sensor eigentlich bei denen nicht ausschlägt. Wieso aus denen so viel Sülze, Kohl und Eisbein ungehindert in die Umwelt sickert. Über die Frage habe ich jahrelang nachgedacht und finde, es gibt eine einfache Antwort: Weil ich nicht das lese, was ich da aufs Papier gekitscht habe, sondern das, was vorher klar und scharf und trocken in meinem Kopf war.

Nun tut das ja keinem weh. Oder nur Kitschhysterikern und die können die Bücher mit spitzen Fingern  in ihre Abfalltonnen tragen, no problem.

Aber 1938?

Ich wollte das nie. Ich will keinen Kitschroman, der 1938 spielt, lesen, und ich wollte auch nie einen schreiben. Es gab aber eine Zeit (und früher hatten wir noch nen Kaiser), da habe ich mich gefragt, worüber ich eigentlich sonst schreiben sollte. Als ich achtzehn war, war ich überzeugt, ich würde nur warten und üben, bis ich die Kraft und die Stimme hätte, um einen Roman zu schreiben, der 1938 spielt. Mit achtundzwanzig dachte ich das – gegen Ungeduld kämpfend – noch immer. Mit achtunddreißig habe ich extrem langsam angefangen, zu begreifen, dass Üben und Warten aus Kohl keinen Rhododendron machen. Und dass ich anderes schreiben muss, wenn ich mit dem Schreiben nicht aufhören kann. Etwas, das keinem wehtut.

Jetzt bin ich achtundvierzig, habe eine ganze Menge Romane, die nicht wehtun, geschrieben, und nicke an den meisten Tagen mit dem Kopf. Manchmal kratze ich noch wie ein Trotzkind da, wo’s wehtut, am Schorf, aber meistens halte ich die Hände still und bin ein Schuster, der bei seinem Leisten bleibt. Dass der Carmen im letzten Jahr ein Roman zugeflogen ist, der Hattuša heißt, war von mir nicht geplant. Auch nicht gewollt. Als ich entdeckt habe, was mit der Hattuša los ist, hab ich der Carmen gesagt, dass wir das nicht schreiben dürfen. Dass wir die Kraft und die Stimme nicht haben, nur Sülze und Kohl. Aber da war Hattuša schon da. Und außerdem hab ich ja die Carmen, damit ich eine hab, die nicht auf mich hört.

Hab ich das wissen können, hätt‘ ich das wissen müssen, dass sowas sich auch in dreißig Jahren nicht totläuft? Dass ich mich, seit wir Hattuša haben, fühle, als stünde ich endlich vor meiner eigenen Tür? Den Schlüssel hab ich auch. Wer A sagt, muss auch B sagen. Zu Weihnachten, im Flugzeug, hab ich meinen Mann gefragt: Was ist 31 plus 7? Er hat’s gewusst, und um das Ergebnis komme ich, glaube ich, nicht herum. Um das, was wehtut.

Nein, ich finde nicht, dass man Kitschromane schreiben soll, die 1938 spielen (und nur um das trotz meiner Um-den-Brei-Rederei klarzustellen: Das gilt für die 1931 spielende Hattuša genauso wie für Ararat). Ich will keinen lesen. Aber ich schreib einen. Ich entschuldige das nicht. Ich weiß keine Rechtfertigung.  Ich sag’s nur. Mein Roman Ararat ist klar und scharf und trocken in meinem Kopf. Das bewahrt mich nicht vor Kohl und Sülze. Ich hab Angst. Mir fehlen Kraft und Stimme. Ich hab den Schlüssel und den Fuß in meiner Tür.

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