Fußball ist unser Leben?

Football

Was ist eigentlich so toll an den ganz großen, global geliebten Sportereignissen, den olympischen Spielen und der Fußball-Weltmeisterschaft?

Antworten lassen sich in langer Liste aufführen, und eine der schönsten (es gibt ja auch weniger schöne) ist dieses Welt-umarm-Gefühl, seid umschlungen Millionen, Leidenschaft geteilt mit ungezählten Artgenossen.

Eine andere ist dieser Spalt im Jahr, durch den man für ein paar Wochen aus dem eigenen Leben in eine Art Dauer-Festival flüchten kann. Es gibt nur noch ein Thema, das von Belang ist. Liebeskummer, Wohnung feucht, Job verloren – macht alles nichts, heute Abend spielt Frankreich. Es ist die einzige Zeit, in der es salonfähig scheint, in der Zeitung nicht die Schreckensnachrichten zuerst zu lesen, sondern den Sportteil.

Ein paar Wochen lang sieht man seine Freunde und Verwandte fast allabendlich, und dass man eigentlich keine Zeit für Dauer-Parties hat, ist egal, denn: „Nun sei doch nicht so – ist doch nur alle vier Jahre …“ Wer einem auf der Straße begegnet, wird mit: „Kommste rum? Anstoß um acht, aber wir gucken schon den Build-up“ begrüßt. Das Haus ist dauerdekoriert wie sonst nur zu den großen Feiertagen. Die Kiste mit liebevoll gesammelten Deko-Souvenirs stammt noch aus der Kindheit der Erstgeborenen, und das Wiedersehen mit France-98-Shirts, aufblasbaren England-Sesseln und Vuvuzelas hat etwas vom Auspacken der Weihnachtskrippe: „Guck mal!“ und „Weißt du noch?“ Man hat auf einmal ein Thema mit jedem – auch mit dem ewig meckernden Kunden, dem übellaunigen Busfahrer und der Telefonstimme im Call Center.

Vier Wochen lang werden Lieder gedichtet, Sprüche gesammelt und exotische Kochbücher bemüht. Wir sind ein internationaler Haufen, bei uns findet jedes Team (außer die USA, das hat Tradition) seine Fans, es wird für jedes Team landestypisch gekocht, und spätestens nach dem Anstoßen mit portugiesischem Wein oder belgischem Bier fühlt sich unser knallbuntes Mini-Stadion ein bisschen an, als sei die Welt in Ordnung.

Ich bekenne: I love it. Es ist immer Sommer, wenn um den WM-Pokal gekickt wird. Gimme hope, Joachim. Auch wenn es im eigenen Leben regnet.

Dann ganz besonders. Ich habe es schon als Kind schwierig gefunden, wenn am „Tag danach“ auf einmal alles leer war. Kein Banner an der Tür, kein Buffet in der Küche. Keine Klebebildchen zum Tauschen, kein  Alltag, der im Rutsch verfliegt, weil abends die Party wartet. After the ball is over – der Spalt schließt sich, die Luftschlangen werden aufgekehrt, und wir müssen in unser Leben zurück. In der Zeitung steht wieder, dass im Irak Menschen sterben, und die eigene Existenzangst – vier Wochen lang gedämpft durch ein bunt bemaltes Wir-schaffen-das-schon – sitzt auf einmal wieder so eisig im Nacken wie zuvor.

Ich mache keinen Hehl daraus. Es fällt mir in diesem Jahr schwerer denn je. Schminkfarbe aus den Augen wischen und feststellen, dass das, was man vorher als unerträglich empfand, nicht nur in der Halbzeitpause flüchtig zwickt, sondern tatsächlich unerträglich ist. Begreifen, dass man kein Weltmeister ist und auch niemals einer werden konnte, sondern auch weiterhin Endlos-Hampler im Hamsterrad bleibt. Dass man totmüde ist, nicht weil’s gestern so schön war – und hast du das Wahnsinns-Tor in der Verlängerung gesehen? – sondern weil sich der Tag vor einem ohne Silberstreifen dehnt.

Das ist nicht einfach.

Aber es zeigt mir auch einmal mehr: Ich mag die gern, die Sportler, die mir immer mal wieder vier Wochen Aufatmen, Wegschauen, Leben schenken, wenn ich es am meisten brauche. Ich bin denen wieder einmal – und mehr denn je – dankbar. Und unserer Fan-Gang, die seit Jahrzehnten mit uns feiert, erst recht. Wenn’s mir heute wieder im Nacken graut, im Kopf dröhnt und im Magen wühlt, habe ich ein Echo von „Brazil, Brazil“ noch im Ohr. Schön war’s. See you next time. Und bis dahin passt gut auf euch auf.

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